
Er steht neben mir. Sein
Duft erregt meine Aufmerksamkeit. Ein ungewöhnlicher Duft, finde ich. Leicht süßlich
kribbelt er in meiner Nase. Ich werfe einen vorsichtigen Blick zur Seite. Gar
nicht mein Typ! Aber dieser Geruch...
Ich gehe ein paar Meter
weiter, damit ich ihn unauffällig mustern kann. Er stütz seine beiden zu Fäusten
geballten Hände auf den Tisch; dazwischen liegt ein aufgeschlagenes Buch. Seine
langen, schlangen Beine stecken in schwarzen Jeans, seine Füße
unpassenderweise in Wanderschuhen. Denn diese stehen im krassen Kontrast zu
seinem Jackett. Dieses ist aus dunkelblauen, festem Stoff, zu elegant für
dieses Schuhwerk. Sein königsblaues Hemd ist leicht geöffnet, das weiße
T-Shirt blitz hervor. Sein Kopf liegt fast auf seiner Brust, verursacht so ein
Doppelkinn. Mir schmerzt der Nacken allein bei dem Gedanken an seine starre
Haltung. Liest er oder träumt er?
Ich schleiche abermals um
in herum. Der Duft, ich will ihn noch mal haben. Von hinten sieht dieser Mann
ganz normal aus. Aber er riecht so gar nicht normal. Ich stelle mich wieder
etwas entfernt auf. Zur Tarnung schnappe ich mir ein Buch, linse über den Rand.
Eine Frisur wie in den 80ern. Popperwelle sagte man damals dazu. Entweder man
war Punk oder Popper. Er war sicherlich ein Popper gewesen. Ach was sag ich, er
ist es doch immer noch!
Plötzlich kommt Bewegung in ihn. Er greift nach einem anderen Buch, blättert es ungeduldig kurz durch. Dann verlässt er den Raum. Ungewöhnlich schnell geht er zu den Schließfächern. Aus seinem schwarzen Lederrucksack nimmt er sein Handy, wählt und lauscht. Seine genauen Worte kann ich nicht verstehen. Aber er ist wütend. Seine Gestik verrät ihn. Er stampf wie ein kleines Kind mit dem Fuß auf und starrt auf das Handy. Wie von Sinnen trabt er unerwartet los. „Halt!“ denke ich. „Dein Geruch! Ich will mich doch noch verabschieden!“ Ein paar Schritte folge ich ihm, in der Hoffnung noch einen Hauch zu erwischen. Heute ist wohl nicht mein Tag. Ich werde eine neue Witterung aufnehmen müssen.
So stehe ich nun hier, so
ganz ohne Ziel. Ich habe meinen Sonntagsduft verloren. Schade, zu schade. Was
nun?
Ich brauche doch einen
neuen Duft, ein Aroma oder auch einen Gestank, mit dem ich mich vergnügen kann.
Wie eine Sucht ist das. Riechen um zu vorverurteilen, zu genießen oder sogar um
zu verlieben.
Ich schlendere los, halte
meine Nase in den Wind. Aber so gezielt den Duft zu finden, ist schwer.
Der ideale Duft oder Gestank schleicht sich leise an mich heran. Nur ein
minimaler Hauch kitzelt mich dann. Ich kann die Witterung aufnehmen und nach
mehr suchen.
Meine Gedanken lassen Gerüche
wieder aufleben. Sie erzeugen Bilder und Gefühle in mir. Schöne Gerüche können
schlimme Erinnerungen herauf beschwören, sowie schlechte Gerüche Glücksmomente
zurück holen können. Es gibt keine allgemeingültige Regel für Gerüche.
Noch während ich in
meinem inneren Duftreservoir schwelge, klopft unerwartet ein ganz kleiner Duft
vorsichtig an meine Nase. Kaum wahrnehmbar und doch präsent. Unbewusst drehe
ich meinen Kopf zur Seite und meine Augen suchen. Ich habe meine Großmutter
erwartet; doch sie ist es nicht. Wie könnte sie auch hier sein, solange ist sie
doch schon tot. Kein bisschen Ähnlichkeit hat diese Frau mit ihr. Meine Großmutter
war eine große Frau mit weichem Busen. Diese Frau ist klein, fast hager. Aber
ihr Duft! Wie meine Oma. Sie riecht wie ein Geschenk.
(Zitat meiner dreijährigen Tochter Esther "willst Du den jetzt auch auf dem Busen haben?..." Kleine Anspielung auf die Froschtätowierung auf meinem Busen ;-))
Aufgabe aus dem zweitägigen Workshop "Auf den Punkt gebracht":
Wir sollten in das Landesmuseum in Münster gehen und uns eine Person ausspähen, diese beobachten und daraus einen Text verfassen. Das habe ich mit "Witterung I" getan. "Witterung II" ist ein Folgetext, ebenfalls aus dem Workshop.