
Tja, warum schreibe ich?
Lapidar gesagt, weil ich weder malen noch singen kann.
Ich war lange Zeit auf der
Suche nach meinem Talent. Denn jeder müsste doch eine ganz spezielle Fähigkeit
haben, dachte ich mir. Begonnen hab ich meine Suche vor einigen Jahren auf eine
für mich typische Weise. Autogenes Training war das Zauberwort. Nachdem ich
dann schließlich genug hatte von Körperreisen und Tiefenentspannung, versuchte
ich mich im Töpfern. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass meine handwerkliche
Kreativität sehr enge Grenzen hat.
Ich suchte also weiter und
erinnerte mich an einen Kindheitstraum: ein Buch zu schreiben. Als Grundschülerin
hatte ich mir extra dafür Schulhefte gekauft, begann mit drei hochtrabenden
Zeilen und gab schnell resigniert wieder auf. Aber kennt nicht jeder dieses Gefühl?
Will nicht jeder als Kind einmal ein berühmter Schriftsteller, ein bedeutender
Maler oder ein umjubelter Superstar werden?
Dann kamen später bei
meinen Freundinnen und mir Tagebücher groß in Mode. Das war die aufregende
Teenagerzeit, in der man viel erlebt, viel fühlt und man seine geheimsten
Gedanken und Wünsche in abschließbaren Tagebüchern festhalten will. Doch auch
dabei scheiterte ich. Mir fehlte die Ausdauer. Außerdem passierte in meinen
Augen zu wenig bedeutsames um es täglich zu Papier zu bringen.
Diesen Wunsch zu schreiben
habe ich wohl schon mein ganzes Leben lang – mal mehr, mal weniger stark –
verspürt. Erst als ich im hohen Alter von 35 Jahren positive Resonanz auf
kleine Episoden aus meinem Leben bekam, die ich in einem öffentlichen
Internet-Forum erzählte, überfiel mich wieder dieser Wunsch, da mehr draus zu
machen. Ein Gefühl manchmal lästig wie ein Zwang, manchmal befreiend und klärend.
Eine Wanderung an seinen eigenen Grenzen.
Im Moment würde ich sagen, schreibe ich um meine Gedanken zu sortieren, aber auch um mich zu unterhalten. Meine Figuren begleiten mich und erzählen mir ihre Geschichten. Wenn sich andere ebenfalls dadurch unterhalten fühlen, ist das wie Bauchpinseln an der Seele.

Text
aus der Schreibwerkstatt vom 05.07.2005
Aufgabe: einen Text schreiben zu der Interview-Frage "Warum schreiben
Sie?"