Das Alter

„Inneres Ich“ und „Biologisches Alter“. Ich habe sie kennen gelernt. Meine neuen, permanenten Begleiterinnen durch meinen Alltag und meine Träume. Sie reden ununterbrochen auf mich ein, Tag und Nacht. Und ich höre ihnen aufmerksam zu. Wo waren sie nur früher? Wo kommen sie so plötzlich her? Besser ist es wohl, ich fange ganz vorne an.

Ich bin Mutter und Ehefrau. Mit unsicheren Schritten gehe ich auf die gewaltige Zahl 40 zu. Noch nie in meinem Leben konnte ich gut mit Zahlen umgehen. Kopfrechnen beherrschen andere, ich nicht. Jedes Alter und somit jede Zahl war mit reichlich Unpässlichkeiten verbunden.

Als Kind ist man für alles zu klein, immer. Ich konnte es kaum erwarten, endlich erwachsen zu werden. Kindliche Vorstellungen vom „was wäre wenn?“, ein langer beschwerlicher Weg. Unendlich lang erschien er mir damals. Nach einer halben Ewigkeit ist das erste Etappenziel erreicht: 18! Zu blöd! Es fühlt sich nichts besser an oder gar großartiger als 17. Genauso ernüchternd die Zahl 19. Klar, ich hatte ein paar Vorteile, durch das Erreichen der Volljährigkeit. Autofahren zum Beispiel. Ich redete mir ein, dass allein der Autoschlüssel in der Hand, jedem klar machen müsste, ich sei erwachsen. Meine körperlichen Vorzüge waren mir nicht bewusst. Wie dumm.

Und dann stellt plötzlich jemand den Zeitraffer an. Ab nun beeilt sich meine Zeit langsam, aber unaufhaltsam. Wie ein Schneeball, der zuerst langsam den Berg runter rollt und dann wird er immer größer und gewaltiger. Er rollt immer schneller.

Und ehe man sich’s versieht, ist man da, wo man als Kind hin wollte. Man steht eines morgens auf und hört Stimmen. „Guck Dich mal an!“ sagt die eine Stimme. Man steht vor dem Spiegel und tut, wie einem geheißen. Unmöglich! Was ist das denn für ein blond? Gibt es grau-blond? „Geh näher ran!“ säuselt die andere Stimme. Etwas unsicher wage ich es. Noch unmöglicher! Nein! Das gab es gestern doch alles noch nicht! Das müssen Schlaffalten sein, beschließe ich. Punkt. Ich bemühe mich, die Stimmen zu ignorieren. Nur damit sind die beiden offensichtlich nicht einverstanden. Sie schleichen sich ab nun überall ein, warten auf ihre Stichworte. Worte bekommen plötzlich eine neue Bedeutung. Bindegewebe ist so ein Wort. Ich fange an, zu überlegen, ob ich so was auch besitze. Und wenn ja, wo? WER hat sich mein Bindegewebe unter den Nagel gerissen? Ich muss das jedenfalls mal gehabt haben. Ganz sicher. Aber die Gesetze der Schwerkraft greifen heute unbarmherzig zu.

Die beiden Lästermäuler grinsen wissend. Sie haben mich im Griff und fühlen sich bestätigt. Mit neu gewonnenen Erkenntnissen über mein Alter, meinen gesellschaftlichen Status, lasse ich mich auf Diskussionen ein. Ich höre meine Stimme morgens dementieren. Für Außenstehende muss es sich wie Selbstgespräche anhören. Egal! Mein körperlicher Verfall ist unübersehbar. Warum sollte der geistige nicht Schritt halten? Es beginnt eine neue Phase.

„Biologisches Alter“ und „Inneres Ich“ bestärken mich „Ändere etwas!“ „Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Worauf wartest Du?“ Tick-Tack… ich höre die Zeit! Seit wann kann man Zeit hören? Es geht! Cool. Ich kann die Zeit hören und führe Gespräche mit zwei unsichtbaren Wesen. Wenn man das ein Weilchen betreibt und nicht hinterfragt, ist das gar nicht so schlecht! „Was soll ich denn tun?“ frage ich. Achselzucken auf beiden Seiten. „Na toll! Erst ungefragt an mir rummotzen und sich jetzt in Schweigen hüllen. Nee, meine Damen, so nicht!“ Ich werde ungeduldig. Wir verharren im gemeinsamen Grübeln. Inneres Ich rutscht hin und her. Plötzlich schein scheint sie eine Erleuchtung zu haben. „Mach eine Bilanz!“ Ja. Nicht schlecht. Inspiriert brüllt „Biologisches Alter“: „Kümmere dich um dich! Nimm dich wichtig!“ Aha. Ja. Auch nicht schlecht. Jetzt kommt mein Einsatz: „Und wie?“ Wieder werden wir still, grübeln uns an. So geht das stundenlang. Da ich aber unmöglich stundenlang grübelnd herumsitzen kann, beginne ich mit meinen hausfraulichen Tätigkeiten. Allein das Wort „Hausfrau“… ach nö! Das geht so einfach nicht mehr. Kein Mensch hat mit 18 das Berufsziel Hausfrau. Wie bin ich da nur hingekommen? Ich überlege laut. Und das erst mal sind wir drei uns einig! „Hormone!“ brüllen wir aus voller Seele. Ja, die sind es! Sind wir jetzt einen Schritt weiter mit dieser Erkenntnis? Kann man mit Hormonen sprechen? Sie evt. Sogar milde stimmen? Versuch macht ja bekanntlich klug! „Hallo? Hormone? Bist Du Mann oder Frau? Bist Du alleine oder seid ihr eine Truppe? Wer ist dann Euer Rädelsführer?“ Fragen über Fragen. Ich beschließe, dass es „Biologisches Alter“ versuchen soll und warte gemeinsam mit „Inneres Ich“ ab. Nach den vielen Gesprächen vertrau ich ihr einfach. Ich bin mir mittlerweile sicher, die beiden haben mein Bestes im Sinn. Warum sonst sollten sie sich so vehement in mein Leben einmischen?
Tick-tack! Genau! Zeit sollte man nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wie war noch mal das Stichwort? Bilanz. In Gedanken gehe ich mein Leben durch. Höhen und Tiefen, Erfolge und Rückschläge. Unter dem Strich doch gar nicht so schlecht! Doch, doch! Es rufen neue Erkenntnisse. Ich verstehe langsam, aber sicher, dass das Leben nicht spurlos an einem vorbei gehen kann. Es wäre ja dann im wahrsten Sinne des Wortes an mir vorbei gegangen! Inneres Ich lächelt mich zustimmend an.

„Nichts zu machen!“ reißt mich plötzlich eine Stimme aus meinen Gedanken. Biologisches Alter ist wieder da. „Männer! Alles Männer!“ schimpft sie. Bitte? „Hormone sind Männer! Alle! Unsensibel und uneinsichtig!“ Na ja, wäre auch wohl zu schön gewesen. Der Gesichtsausdruck von „Biologisches Alter“ macht jede Hoffnung zunichte. Mit Männern über Frauenprobleme reden zu wollen, ist wie einem Goldfisch ein Gedicht beizubringen. Sinnlos. Ich brauch eine Pause. Freundlich, aber bestimmt, weise ich meine beiden Freundinnen darauf hin, dass ich auch noch Pflichten habe. Morgen, ja morgen, können sie ja wiederkommen. Ich will da mal eine Nacht drüber schlafen. Ein bisschen überrascht es mich schon, dass sie ohne wenn und aber abziehen.

Wer behauptet, beim Staubsaugen oder Bad putzen könne man klare Gedanken fassen, lügt. Ich kann es jedenfalls nicht. Ich schalte ab. Ein Mensch ohne Gedanken. Und das ist so schön.

Natürlich stehen die beiden morgens pünktlich auf der Matte. „Na? Gut geschlafen?“ weckt mich „Inneres Ich“. Ich stelle mich schlafend. Bitte, bitte, nicht so früh. Ich bin doch noch gar kein Mensch. „Hallo! Wach werden!“ tönt die andere. Meine Güte, der Tag ist doch noch so jung, da muss man doch noch nicht so früh auf den Beinen sein, nur um mich zu nerven. Dazu habe ich schließlich Kinder! Ich grummele leise und dreh mich um. „Ich schlafe! Verschwindet! Kommt nach dem Kaffee wieder!“ maule ich. Für Höflichkeiten fehlt mir jetzt jeder Sinn. Ich bin bekennender Morgenmuffel und wünsche das respektiert. Keine Chance. Ich höre die beiden lästern. „Schönheitsschlaf? Jetzt doch nicht mehr!“ Sie kichern. Sehr lustig. Ich bin müüüüde! Sonst nichts. Sie frotzeln unbeirrt weiter. „Tick-Tack!“ Mit einem Satz sitze ich aufrecht im Bett. Ich schleppe mich ins Badzimmer. „Ok, meine Damen. Was wollt ihr?“ Ich glaube, ich klinge leicht gereizt. Sie lächeln. Keine Antwort. Diesels Lächeln und diese Stille machen mich nervös. Wieso kann ich das so schlecht aushalten? „Ihr wollt wissen, was ich mir überlegt habe, stimmt’s?“ Immer noch keine Antwort, aber in ihren Gesichtern kann ich ganz klar Neugierde erkennen. Ich gebe mir heute besondere Mühe bei meiner Morgentoilette. Sorgfältig trage ich mein Make-up auf, betone die Augen, bürste meine Haare – erwähnte ich schon, dass ich grau-blonde Strähnen habe? – und sprühe etwas Parfum ins Dekolleté. Fertig! Die beiden nicken zustimmend. „Gar nicht so schlecht, wenn man ihr Alter kennt.“ Grinst „Biologisches Alter“. Wir gehen in die Küche. Während ich den Kaffee aufsetze, Brote für die Kinder schmiere und die Katze versorge, machen es sich die beiden am Küchentisch gemütlich. Nachdem alle aus dem Haus sind, geselle ich mich zu ihnen. „Wo waren wir gestern stehen geblieben!“ frage ich. „Du wolltest eine Bilanz über dein bisheriges Leben ziehen und konkrete Pläne für Deine Zukunft machen.“ Zur Abwechslung nicke ich mal. Ich nehme meinen Kaffeebecher in die Hand, trinke einen Schluck und hole tief Luft. In Gedanken rauscht mein Leben an mir vorbei. Längst vergessene Episoden werden greifbar, gewesene Gefühle holen mich ein. Meine Gedanken nähern sich irgendwann wieder der Gegenwart. Meine Kinder, meinen Mann und unser Zuhause sehe ich vor meinem inneren Auge. Ich blicke hoch und fühle nur ein Gefühl. Dieses Gefühl heißt Stolz. Ja, Stolz erfüllt mich. Es ist nicht nötig, es laut zu sagen. Ich sehe und fühle, dass ich verstanden werde. Wir sitzen still zusammen. Jetzt ist es gut auszuhalten, diese Stille

Nach geraumer Zeit fragt mich „Inneres Ich“ nach meinen Zielen. Ja, meine Ziele? Plötzlich sehe ich klarer. Es ist wie das Aufklaren einer beschlagenen Brille. Langsam erweitert sich mein Blickfeld. Es kommt mir vor, als wenn mir ein kurzer Augenblick in meine Zukunft gewährt wird. Jetzt weiß ich, was zu tun ist. Und plötzlich, ganz unvermittelt, verschmelzen wir drei wieder zu einer Person. Wir sind wieder eine Einheit, verbunden durch gemeinsames Wissen, gemeinsames Erleben und eine gemeinsame Zukunft. Ich nehme noch einen Schluck aus meiner Kaffeetasse, hole tief Luft und freue mich auf alles, was noch kommt. Ich habe ein Leben und dieses werde ich nutzen. Jeder neuen Zahl in meinem Leben werde ich eine besondere Bedeutung geben. Jede Zahl besteht aus Buchstaben und mit Buchstaben kann ich ja besser umgehen. Und wenn es dann endlich soweit ist, rufe ich aus vollem Herzen „Willkommen vierzig und vergiss den Rest nicht!“

 

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