Herbert und Elsa

Es ist Montagmorgen, kurz nach sechs Uhr. Am Bahnhof stehen nur wenige Menschen. In ihren Gesichtern liest man Müdigkeit und Lustlosigkeit. Nur eine junge Frau fällt auf. Sie wirkt frisch und munter. Ihr Blick gleitet immer wieder in Richtung der Unterführung. Sie lächelt als ein gut Dreißigjähriger die Stufen hoch eilt. Sein Mantel ist offen, die Aktentasche hat er sich unter den Arm geklemmt. Er erblickt sie auch sofort und erwidert ihr Lächeln.

Herbert ist von Natur aus ein eher mürrischer Typ, seine Kleidung meist schlicht und in gedeckten Grautönen. Elsa verkörpert das exakte Gegenteil. Sie ist von kleiner, stämmiger Figur, rosige Haut und schöne, dunkelblaue Augen. Ihre schulterlangen Haare werden ihr vom Wind ins Gesicht geweht. Mit einer lockeren Handbewegung wirft sie ihre Haare zurück und Herbert ihr strahlendstes Lächeln zu.

Herbert stellt sich zu ihr. „Guten Morgen.“ Sagt er kaum hörbar. Niemand soll bemerken, dass sie sich besser kennen. Alles soll normal und unverfänglich aussehen. „Hallo!“ antwortet sie vielleicht eine Spur zu laut.
„Hast Du mal Feuer?“ Herbert sucht in seiner Manteltasche. Mit einem tiefen Blick in seine Augen entzündet sie ihre Zigarette. Beide genießen den Augenblick, das leichte Kribbeln im Bauch. Und dann fährt der Zug auch schon ein. Sie suchen sich ein leeres Abteil, wie jeden Morgen. Eine knappe Viertelstunde Zweisamkeit ist ihnen vergönnt. Erst hier traut Herbert sich. Er nimmt ihre Hand. „Du hast mir gefehlt!“ Elsa ist glücklich. „Du mir auch!“ Da sitzen sie nun, dieses ungleiche Paar. Er, Büroangestellter in gesicherter Position und sie, die quirlige Verkäuferin. Er, Ehemann und Familienvater, sie ungebunden und voller Träume.

„Wie lange musst Du heute arbeiten?“ „Ich muss bis Ladenschluss bleiben. Leider!“ Er legt den Kopf leicht zur Seite und antwortet zwinkernd: „So ein Zufall! Ich muss heute auch länger arbeiten!“ Sie lacht. „Treffen wir uns dann wieder gegen 18 h im Park?“ Ihre Augen funkeln bei dem Gedanken. Herbert hält immer noch ihre Hand. „Eine so warme, weiche Hand.“ Schießt es ihm durch den Kopf. „Was sagt denn Deine Frau zu den neuerlichen Überstunden?“ reißt ihn Elsas Frage aus den Gedanken. „Was soll sie schon sagen. Nichts, wie immer. Sie trifft sich sowieso mit Monika heute Nachmittag. Fällt gar nicht auf, wenn ich später komme.“ An seine Frau mag er jetzt gar nicht denken. Elsas Gesicht wird ernster. „Wie stellst Du Dir das eigentlich zukünftig vor mit uns, Herbert?“ Er zuckt mit den Schultern. Zukunft, was bedeutet schon Zukunft. „Lass uns da ein anderes Mal drüber reden. Wir sind gleich da.“ Weicht er der Frage aus.

Der Zug hält. Sie steigen aus. Ein letzter Blick und dann trennen sich ihre Wege. Sie eilt in den Laden, er ins Büro. Zwischendurch treffen sich ihre Gedanken und lassen das Kribbeln im Bauch wieder aufleben.

Zur vereinbarten Zeit hasten beide in den Park. Leicht außer Atem stehen sie sich gegenüber. „Sollen wir zu unserer Kastanie gehen?“ schlägt Herbert vor. Das Wetter ist wie gemacht für heimliche, romantische Treffen. Es riecht nach Frühling. Elsa holt tief Luft. „Überstunden sind ja was herrliches!“ witzelt Herbert. Elsa muss lachen. „Ja. Das muss wohl stimmen.“ Er liebt es, sie zum Lachen zu bringen. Es lässt ihn sich jünger und lebendiger fühlen. Sie genießt seine Aufmerksamkeit. In seiner Gegenwart kommt sie sich erwachsen und ernst genommen vor. Es schmeichelt ihr. „Dieser Mann hat doch alles!“ denkt sie. Und trotzdem konnte sie sein Herz erobern. Während sie langsam durch den Park schlendern, schweifen auch Herberts Gedanken ab. „Sie ist so entzückend in ihrer Jugendlichkeit und Naivität.“ Lächelt er in sich. Nach einer Weile erreichen sie den unbelebteren Teil des Parks. Erst hier sucht er wieder ihre Nähe und legt seinen Arm um sie. Bald erreichen sie die leicht verwitterte Bank unter der Kastanie. Sie setzen sich eng aneinander geschmiegt und genießen die Nähe. „Wie war dein Tag?“ fragt Elsa. „Ach, wie immer eigentlich. Monatsabschluss… Du weißt schon. Etwas hektisch. Aber jetzt ist ja alles besser.“ Elsa nickt verständnisvoll. Auch ihr Tag verlief hektisch. Nörgelnde Kunden in Hülle und Fülle hielten sie heute auf Trab. Sie seufzt und schmiegt sich noch näher an ihn. Die Vögel zwitschern und alles ist friedlich und behaglich.

Und dann, ganz plötzlich, passiert das, was nie hätte passieren sollen. Herbert nimmt im Augenwinkel eine Person wahr, misst ihr aber nicht die nötige Aufmerksamkeit zu. „Herbert!“ Elsa und Herbert schrecken zusammen. In Sekundenbruchteilen sitzen sie stocksteif und mit aufgerissenen Augen da. „Anke…“ wispert Herbert. Anke ist Herberts Frau, weiß Elsa. Ihr wird schlecht vor Schreck. Auch Herbert ist leichenblass. „Anke, es ist nicht so, wie Du denkst!“ stottert Herbert unbeholfen. „Scheiße!“ zischt Elsa. „Ach? Und was denke ich?“ keift Anke. Herbert fehlen die Worte. „Lass dir was einfallen!“ hämmert es in seinem Kopf. Anke steht da, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr Blick verheißt nichts Gutes. „Schatz, beruhige dich doch!“ versucht Herbert sein Glück. „Beruhigen? Beruhigen soll ich mich?“ Elsa rutscht nervös hin und her und starrt immer noch wie gebannt auf Anke. Herbert steht auf und macht einen Schritt auf seine Frau zu. „Fass mich nicht an!“ schnaubt sie. „Ich hab’s gewusst! Ich hab es die ganze Zeit gewusst!“ Herbert steht vor ihr, seine Schultern hängen viel zu tief. „Scheiße, Scheiße, Scheiße…“ mehr kann Elsa im Moment nicht denken. Anke wirft einen zornigen Blick auf Elsa, mustert sie kurz von oben bis unten und dreht sich auf dem Absatz um. Dann eilt sie hocherhobenen Hauptes davon. Herbert und Elsa sind zu keiner Reaktion fähig.


Beide können nicht sehen, wie sich aus Ankes zornerfüllten Blick ein Grinsen entwickelt. Je weiter sie sich von den beiden Ertappten entfernt, je breiter wird ihr Grinsen. „Das war aber knapp!“ denkt sie. Keine zwei Bänke weiter sitzt Jörg, ihr Liebhaber. Dieser hat die ganze Szene beobachtet. Jörg erhebt sich und schlendert langsam an Herbert und Elsa vorbei, hinter Anke her. „Das war aber noch mal knapp!“ denkt er und muss grinsen….  

 

 

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