Was wären wir nur ohne den Mond

Mara steht am Fenster. Die Heizungsluft bläst ihr ins Gesicht. Das Wohnzimmer ist dunkel; nur der Mond erhellt das Zimmer. Ihre Gedanken drehen sich um Marcus. Was macht er wohl gerade? Versonnen dreht sie eine Strähne ihrer langen, dunklen Haare um den Zeigefinger. Hatte es so kommen müssen? Hätte es nicht doch noch einen anderen Weg gegeben?

Marcus zündet eine Kerze an. Draußen ist es kalt, der Wind rüttelt an seinem Zelt. Er öffnet seinen ramponierten Lederrucksack und holt ein Stück Salami heraus. Mit dem Taschenmesser schneidet er sich einen Bissen ab. Dann wagt er es. Er zieht den zerknitterten Brief aus seiner Brusttasche. Diesen Brief trägt er nun schon seit langer Zeit mit sich. Einmal nur hat er ihn gelesen. Zu weh taten ihm die Zeilen. Heute muss er ihn noch einmal lesen. Die alten Zeiten herauf beschwören. Seine Hände zittern leicht als er das Papier auseinander faltet. Dann beginnt er mit fast hörbar klopfenden Herzen zu lesen.

Lieber Marcus!

Unsere Zeit ist vorbei. Es gibt keine Zukunft für uns. Ich habe ein neues Glück gefunden. Jemanden mit gleichen Zielen. Deine Art zu leben ist nichts für mich. Ich brauche Struktur, Du das freie Leben. So ist das nun mal.

Mara

Mehr schrieb sie damals nicht. Ein paar Zeilen und weg war sie. Verschwunden für immer, wie er dachte. ‚Sie gab mir doch nicht einmal eine Chance.’ Vorsichtig steckt er den Brief zurück in den Umschlag und schiebt ihn wieder in die Brusttasche.

Er zieht seine Jacke enger um sich. Entschlossen bläst er die Kerze aus, öffnet den Reißverschluss seines Zeltes und stellt sich in den Wind. Silbern kräuselt sich das Wasser vor ihm. Die Nacht ist hell, wolkenlos und kalt. Die Fäuste in den Jackentaschen geballt läuft er los, wie immer, wenn die Gedanken schwer werden und sie ihm fast die Luft zum Atmen nehmen.

Mara schnappt sich ihren Mantel und die Hundeleine. Paul fängt sofort an aufgeregt vor ihr her zu springen. Als sie die Haustür öffnet, stürmt der Welpe auch schon los. Mara zieht sich die Kapuze über den Kopf und eilt hinter Paul her. Sie ahnt, wo Marcus zu finden ist.

„Hallo.“ Mehr bringt sie nicht über die Lippen, als sie vor Marcus steht. Er lächelt sie an. „Wie geht es dir?“ fragt er ganz leise. Mara blickt ihn unsicher an. „Ich habe dich gesucht. Es ist Vollmond.“ Marcus nickt. Mit einer Hand streicht er durch seinen Bart. „Seit wann bist du wieder in der Stadt? Ich habe dich gestern gleich erkannt. Aber dein trauriges Gesicht nahm mir den Mut, dich anzusprechen.“ „War das so offensichtlich?“ In Maras Augen glitzern Tränen. Ganz selbstverständlich legt Marcus seinen Arm um ihre Schultern. „Komm mit, ich zeige Dir mein Heim.“

Im Zelt platzt es förmlich aus Mara heraus. Wie ein brechender Damm erzählt sie von den vergangenen Jahren, ihrer Suche nach einem unbekannten Ziel, ihrer Einsamkeit trotz Zweisamkeit, ihrer Trauer über die verpassten Jahre. Marcus sitzt still neben ihr. „Es ist nie zu spät. Es gibt immer wieder einen Mond. Das weißt du doch.“ Paul tapst schwanzwedelnd ins Zelt und drückt Marcus seine feuchte Nase ins Gesicht. „Ich glaube, er mag Dich. Egal, was und wer Du bist.“ Lächelnd greift er nach ihrer Hand. „Was wären wir nur ohne den Mond?“

 

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