„Ach weißt Du,
Friedrich, ich denke so oft an die guten alten Zeiten!“ schnurrt Chrisby leise
und verträumt. Friedrich nickt und sein gelber Schnabel wackelt im Takt. Die
beiden sind wirklich ein seltsames Paar. Der weiße, alter Kater und die
zerrupfte greise Amsel. Einst Todfeinde, doch heute liegt das alles längst
hinter ihnen. Nur sie sind übrig geblieben. Da konnten sie getrost ihre
Feindschaft ablegen.
„Ich kann mich noch gut
erinnern. Damals als ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern im
Kohlenkeller gefunden wurde. Ins Tierheim brachten uns die Menschen. Kennst Du
so was auch?“ „Nein.“ Krächzt Friedrich. „Tierheim, was ist denn
das?“ „Dort können sich die Menschen ihre Haustiere aussuchen. Mich wollte
anfangs keiner. Meine Geschwister waren wohl hübscher als ich. Ich muss wohl
zugeben, ich war kein besonders schönes Katzenkind. Ich hatte große, spitze,
rosafarbene Ohren, fast wie eine Fledermaus. Mein Näschen war ebenfalls rosa
und vielleicht ein wenig zu spitz. Meine Augen waren immer schon gelb und mein
Mensch sagte immer, ich würde leicht dumm aus der Wäsche gucken. Damals
dachten die Menschen erst, meine schwarzen Flecken wären vom Kohlenstaub. Sie
putzten mich, aber die schwarzen Flecken blieben auf meinem weißen Fell. Und
dann brachten sie mich in mein neues Heim. Dort wartete schon Bella. Kannst Du
Dich noch an Bella erinnern?“ „Oh ja, das kann ich! Sie war schon eine hübsche
Katze. Selbst ich muss das zugeben. Du vermisst sie, was?“ „Ja, sehr.
Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich so etwas einmal sagen würde. Sie
war schon eine Wucht. Nur wusste ich das nicht zu schätzen. Weißt Du, als ich
damals zu ihnen kam, fauchte sie mich an und zog mir ihre hübschen Krallen quer
durchs Gesicht. Wie eine Diva schlich sie immer lautlos durch Wohnung und ehe
ich mich’s versah, bekam ich die nächsten Krallen zu spüren. Wie oft habe
ich sie damals heimlich beobachtet, wie sie ihr silbernes Fell putzte oder wenn
sie auf der Fensterbank lag und die Sonne genoss. Ach Friedrich, ist das lange
her. Was ist nicht alles passiert seit dem.“ „Ja, stimmt! Wir sind jetzt
wohl an einem Punkt, wo man nur noch zurück blickt. Hast Du eigentlich
Nachwuchs, alter Freund?“ „Erinnere mich besser nicht! Nein, das wussten
meine Menschen zu verhindern. Heute könnte ich mir nichts schöneres
vorstellen, als ein paar Kinder mit Bella gehabt zu haben. Sie haben mich
kastrieren lassen. Weißt Du, was das bedeutet?“ „Ich kann es mir
vorstellen. So grausam können Menschen sein?“ „Sie sind ja nicht immer so
und werden wohl ihre Gründe dafür gehabt haben. Immerhin sorgten sie dafür,
dass Bella und ich aus der Stadt heraus kamen. Sie zogen extra für uns aufs
Land. Das waren wohl meine besten Zeiten. Wann waren denn deine besten
Zeiten?“ Friedrich hüpft ein bisschen vor und zupft sich einen kleinen Wurm
aus der Erde. „Das kann ich Dir sagen. Das war, als ich mit Claire die hübschesten
Amselchen der ganzen Stadt hatte. Claire war eine wunderbare Vogelfrau.
Manchmal, wenn ich träume, höre ich sie kix-kix-kix rufen. So rief sie
nach den Kindern, wenn diese sich voreilig aus dem Nest entfernt hatten. Es war
eine große Freude, die Kinder flügge werden zu sehen.“ Chrisby leckt sich
verstohlen ums Maul. Seine Gedanken kreisen auch um kleine Amselküken...
„Was ist denn aus den Küken
geworden?“ will er höflich wissen. „Oh, in aller Welt verstreut sind sie.
Und das ist gut so, der Lauf der Dinge eben.“ Friedrich nickt leicht. „Erzähl
von Deinem Landleben. Ich bin aus der Stadt nie herausgekommen.“ Chrisby baut
sich etwas auf und fängt an zu erzählen. „Wir waren nicht die einzigen
Katzen dort. Landkatzen gab es dort auch ein paar. Die sehen alle irgendwie
gleich aus. Sie sind auch kleiner wie wir Stadtkatzen. Die Luft dort draußen
ist übrigens ganz wunderbar. Bella fand es dort erst nicht so gut. Ich genoss
die Zeit dort vom ersten Augenblick an. Ein Paradies! Überall hörst Du kleine
Mäuschen piepen. Da braucht man nicht viel zu tun, die spazieren einem fast ins
Maul! Bella schüttelte sich immer bei dem Gedanken. Verächtlich warf sie ihren
Kopf dann in den Nacken, wenn sie mich mit einer kleinen grauen Beute im Maul
sah. Mein Mensch reagierte ähnlich. Aber mir war das egal. Meine Säfte
sprachen eine klare Sprache und ließen mich tagelang durch Felder und Wälder
streifen. Das Leben dort hätte so schön sein können. Doch es nahm ein jähes
Ende als Sandro auf den Hof zog. Sandro! Mir sträubt sich das Fell allein bei
dem Gedanken an ihn!“ „Wer war denn Sandro?“ Friedrich hüpft aufgeregt
hin und her. „Ein fieser, dicker, schwarzer Hund! Die neuen Nachbarn hatten
Sandro mit auf den Hof gebracht. Sandro war ein tollpatschiges Monster. Sein
Sabber stank wie die Hölle. Und er wollte es einfach nicht lernen, dass
Katzenkrallen weh tun. So wie er von der Leine losgelassen wurde, rannte er
hinter uns her. Er hätte wissen müssen, dass er keine Chance hatte. Lästig
war diese Rennerei. Und dieses monotone Bellen. Nee, Friedrich, so was gibt es
in der Stadt nicht!“ „Doch, doch! Was ist denn mit Daisy? Die bellt doch
auch permanent!“ „Daisy ist ein Witz gegen Sandro, glaub mir!“ „Und
warum seid ihr dann doch wieder in die Stadt gezogen?“ Chrisby legt seinen
Kopf zu Seite und überlegt. „Tja, weiß ich das jetzt gar nicht mehr so
genau. Irgendwann packten sie die Sachen ein und verfrachteten uns hierher. Ein
Kind hatten sie ja damals schon und das zweite war auf dem Weg. Vielleicht hat
es damit zu tun?? Wenn es um seine Kinder geht, wird der Mensch ja komisch.
Schnell verliert man seine Sonderstellung und muss geduldig warten, bis die
Kinder in ihren Wünschen abgefertigt sind. Erst dann erinnert sich der Mensch
daran, dass es noch mehr Familienmitglieder gibt.“ „Findest Du das so merkwürdig?“
Friedrich hüpft wieder näher an Chrisby ran. „Ach, eigentlich wohl nicht.
Bella war ja noch da. Sie hätte es wohl nie zugegeben, aber auch sie war wohl
froh, dass ich da war. Sie liebte es zwar nach wie vor, mir bei günstiger
Gelegenheit eine zu verpassen, aber es fühlte sich im Laufe der Zeit schon fast
zärtlich an.“ Chrisby schluckt einen dicken Kloß hinunter.
„Bella, Bella...“
Und es
scheint, als wenn ein paar Tränen in seinen gelben Augen schimmern. Friedrich
guckt verlegen zur Seite. „Erzählst Du mir, was mit Bella gesehen ist?“
Chrisby räuspert sich. „Es ging alles ganz schnell. Bella war mittlerweile
auch eine ältere Katzendame. Sie hatte nichts von ihrer Schönheit eingebußt.
Ihre grünen Augen waren immer noch so bezaubernd und ihre kühle Arroganz zog
mich nach wie vor in ihren Bann. Eines Tages stand sie nicht mehr auf, lag
einfach so da und guckte mich traurig an. Ich ging zu ihr und fragte, was ihr
fehle. Sie antwortete, dass sie große Schmerzen habe. Ich legte mich zu ihr und
leckte ihr das Fell. Das erste Mal in all den Jahren ließ sie das zu. Ich hörte
sie leise schnurren. Dann kam unser Mensch und brachte sie zum Tierarzt. Er
konnte ihr nicht mehr helfen und so durfte Bella noch einmal nach Hause. Die
Zeit des Abschieds war gekommen. Wir wussten es alle. Unser Mensch weinte, die
Kinder wurden ganz ruhig. Bella lag da, ganz still. Ihre Schmerzen müssen die Hölle
gewesen sein. Sie tat mir so leid. Meine wunderschöne Bella litt mit einer
unbeschreiblichen Würde. Am nächsten Tag war es soweit. Bevor Bella ihre
letzte Reise antrat, verabschiedete ich mich von ihr. Ich flüsterte ihr ins
Ohr, dass sie die allerschönste Katze der Welt sei und dass diese Welt nun ohne
sie weiter leben müsse. Sie schaffte es kaum zu nicken. Dann nahm unser
Mensch sie mit und ließ sie von ihren Leiden erlösen. Als sie mit Bella zurück
kam, war sie tot. Ganz friedlich lag sie in ihrer Transportbox. Später begrub
sie unser Mensch im Garten.“ Auch Friedrich liefen jetzt ein paar Tränen
hinunter. Beide sitzen sie ruhig nebeneinander. Chrisbys schwarzer Schwanz
bewegt sich leicht hin und her. Friedrich hält seinen Kopf schief. Sein
goldgelber Schnabel leuchtet in der Sonne.
„Weißt Du, Friedrich,
es sind jetzt schon so viele vor uns gegangen. Sie leben in unseren Gedanken und
Träumen. So ist wohl der Lauf der Welt. Eines Tages folgen wir ihnen. Meinst
Du, wenn wir dort angekommen sind, dass wir beiden dann auch noch Freunde
sind?“ „Ganz sicher, alter Freund! Wir nehmen doch unser Wissen mit. Sonst wäre
doch alles ganz umsonst gewesen.“
Anmerkung: Beide (Chrisby und die Amsel) saßen wirklich vor kurzem nebeneinander ganz ruhig und friedlich, eben wie alte Männer.
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Es gibt natürlich Chrisby, den weltbesten Kater.
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Und es gibt diese Amsel. Sie ist mittlerweile schon fast zahm und besucht uns oft im Garten.
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Und das hier ist Bella:
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