Und alles ist anders...

Herbert schließt leise die Haustür auf. Ihm bleibt vor Schreck die Spucke weg. Da steht eine fremde Frau in seinem Hausflur. Er klammert sich an seine Aktentasche. „Da bist Du ja!“ ihre Stimme kling zynisch und doch kommt sie ihm bekannt vor. „Anke?“ haucht er. „Wen hast Du denn hier erwartet?“ Herbert starrt Anke verwirrt an. „Wie siehst Du denn aus?“ „Jedenfalls besser als Du!“ faucht sie ihn an. Das ist zuviel für Herbert. Er steht unschlüssig im Türrahmen. Anke geht mit langen, selbstsicheren Schritten auf ihn zu, greift nach seiner Krawatte und schleift ihn hinter sich her. 

Mit einem Stoß schubst sie ihn auf das Sofa. „Sieh Dich mal um, wie es hier aussieht!“ Herbert betrachtet das Chaos vom Vorabend. „Räum auf!“ befiehlt Anke und dreht sich auf dem Absatz um. Herbert braucht einen Moment um die Lage zu verstehen. Was war geschehen? Was war vor allem mit Anke geschehen? Herbert versucht sich zu sammeln und beginnt, wie ihm befohlen, mit dem Aufräumen. Auf dem Tisch stehen etliche leere Bierflaschen, die Chipstüte liegt darunter und es riecht wie in einer Kneipe hier. Noch während er damit beschäftigt ist, klingelt es. Er will sich schon auf den Weg zur Tür machen, als er Ankes Stimme hört. „Hallo Elsa! Wie schön!“ Herbert traut seinen Ohren kaum. Vorsichtig linst er um die Ecke. Tatsächlich! Anke hat Elsa die Tür geöffnet und in den Flur gelassen. Da steht seine jugendliche Geliebte, lächelnd und rosig wie immer. Spontan drückt Elsa ihr einen dicken Kuss mitten ins Gesicht. Anke strahlt. „Komm doch mit in die Küche. Herbert ist noch beschäftigt, nicht wahr Herbert?“ ruft sie ihm zu. Herbert schluckt.  Schnell verschwindet er wieder im Wohnzimmer und räumt weiter auf. Zeit gewinnen, er muss Zeit gewinnen! ‚Wie kommt Elsa so plötzlich hier her? Woher kennen sie sich eigentlich. Wieso küssen sie sich überhaupt?’ Herberts Gedanken fahren Karussell. 

Anke und Elsa gehen kichernd in die Küche. „Sektchen, liebe Elsa?“ „Aber gerne doch!“ Elsas Stimme ist wie immer eine Spur zu laut. Der Sektkorken knallt und die beiden Frauen lachen lauthals. Herbert vernimmt fröhliches Geschnatter. Er ist vollends schockiert. ‚Das kann doch alles nicht wahr sein!’ Unter seinen Achseln bilden sich feuchte Flecken auf seinem Hemd. Sein Hals ist staubtrocken. Seine Ohren versuchen angestrengt etwas von der Konversation aus der Küche aufzuschnappen. Aber keine Chance, die Küchentür ist zu. Wie besessen poliert er den Couchtisch, schüttelt die Kissen auf, rückt den Sessel hin und her. Auf Zehenspitzen huscht er in den Flur. Es muss doch etwas zu hören sein. Angestrengt richtet er alle Sinne in Richtung der Frauen. Er vernimmt nur die ausgelassenen Stimmen, versteht aber kein Wort. Leise kehrt er ins Wohnzimmer zurück und steht unschlüssig im Raum. 

Plötzlich klingelt es wieder an der Tür. Herbert schleicht zur Wohnzimmertür. Er traut sich nicht in den Flur. Ankes Absätze klackern auf den Fliesen. „Jöööörg! Mein Schatz!“ flötet Anke. Herbert riskiert doch einen Blick durch den Türspalt. Anke hat sich Jörg in die Arme geschmissen und beide knutschen wie verliebte Teenager. Herbert ist sprachlos. „Jörg! Da bist Du ja endlich!“ Elsa quietscht vor Vergnügen und rennt auf ihren kurzen, stämmigen Beinchen auf ihn zu. „Elsa-Herzchen!“ Jörg streckt ihr seine Hand entgegen. „Was für ein wunderbarer Tag mit zwei so hübschen Frauen!“ Mit den beiden Frauen im Arm steuert Jörg die Küche an. Schnell weicht Herbert von seinem Beobachtungsposten zurück. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Er ist einem Kollaps nahe. Seine Luft wird knapper. Mit einem Plumps lässt er sich in den Sessel fallen. Schon hört er wieder fröhliches Gelächter und klirrende Gläser. Die kleine, intime Party geht weiter – natürlich ohne Herbert - .

 

Unerwartet steckt Anke ihren Kopf zum Wohnzimmer hinein. Herbert erschrickt. „Fertig?“ fragt sie ihn. Herbert starrt sie an. „Wir gehen hoch, lass Dich nicht stören!“ und schon verschwindet sie wieder. „Was....?“ mehr bringt Herbert nicht hervor. 

Er hört, wie die drei sich auf den Weg ins Schlafzimmer machen. ‚Oh, mein Gott, was ist hier los?’ Auf Herberts Stirn fangen die Schweißtropfen an kleine Bäche zu bilden. Wie Rinnsale laufen sie ihm an den Schläfen hinunter. Seine Brust schmerzt, seine Lungen wollen keine Luft mehr aufnehmen, ihm wird schwindelig. Vor seinen Augen tanzen bunte Punkte, die Stimmen verlieren sich in der Ferne. 

„Herr Kaiser! Herr Kaiser!! Augen auf!“ diese Stimme kommt langsam näher. Er spürt eine Hand an seine Wange klatschen. Mit aller Kraft versucht Herbert seine Augen zu öffnen. Sie sind schwer wie Blei. „Herr Kaiser!“ brüllt die Stimme wieder. Herbert schafft es nicht. Er konzentriert sich. Was ist das für ein Piepen, ein furchtbarer Ton! Endlich gelingt es ihm doch. Er sieht eine Person verschwommen vor seinen Augen auftauchen. Diese Person ist ganz in grün gekleidet, ein Mundschutz verdeckt den unteren Teil des Gesichts. „Na endlich! Da sind sie ja wieder!“ freut sich die grüne Person. 

Herbert kommt langsam zu sich. Die grüne Person ist Arzt. Herbert befindet sich auf der Intensivstation, soviel versteht er. „Herr Kaiser, sie hatten ein Unfall. Aber bald geht es ihnen wieder gut.“ Versichert der Arzt. Herbert nickt nur benommen und schließt seine Augen wieder. 

Als er das nächste Mal erwacht, erkennt er hinter dem Mundschutz Anke. Sie sitzt an seinem Bett und hält seine Hand. „Mensch, Schatz, was machst Du nur für Sachen.“ Fragt sie besorgt. Mit trockener Stimme fragt Herbert: „Was ist denn nur passiert?“ „Du bist vor ein Auto gelaufen. Einfach so, sagt der Fahrer. Direkt am Bahnhof bist Du ohne zu gucken auf die Straße gelaufen.“ 

In Herberts Kopf dröhnt es. Dann war das alles gar nicht passiert? Dann ist alles in bester Ordnung? Herbert dreht seinen Kopf zu Anke und flüstert. „Anke, alles ist doch gut mit uns, oder?“ Anke streichelt ihm die Wange und mit Tränen in den Augen flüstert sie zurück: „Ja, Herbert, alles ist gut!“

 

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