Ikea 

Heute ist so ein Tag, da weiß man nicht, was man mit sich und seiner Zeit anfangen soll. Das Wetter ist bescheiden, die allgemeine Laune entsprechend. Wir diskutieren alle Möglichkeiten des Zeittotschlagens. Und wie so viele, treibt es uns an einem solchen Tag zu Ikea. Vorab wird noch genau besprochen, dass KEIN Geld ausgegeben wird, schließlich wollen wir ja nur den Tag erledigen und nicht unser Konto!

Im Anflug extremen Geizes beschließen wir, statt unseres Multi-Vans den Kombi zu nehmen. Der ist ja sowieso viel schneller, sparsamer im Verbrauch und außerdem passt da nicht soviel rein in den Kofferraum. Reiner Selbstschutz sozusagen!!

Alle drei Kinder werden auf die Toilette befohlen, bevor das Abenteuer beginnt. Das beginnt dann nämlich schon beim Anschnallen. Drei Erwachsene passen ja locker auf die Rückbank, drei Kinder in Sitzschalen eher schlecht. Völlig genervt steigen wir als letztes ein. Unsere Rücken und Hintern klitschnass vom Regen, aber Hauptsache die Kinder sitzen ordnungsgemäß angeschnallt und trocken im Wagen.

Bis zu Ikea ist nicht so weit. Eine gute halbe Stunde haben wir eingeplant und schaffen es auch fast in dieser Zeit. Bis zu Ikea ist es ja auch nicht so das Problem, einen Parkplatz dort zu ergattern, schon eher. Mein Mann besteht auf eingangsnahes Parken. Dieser Wunsch hat uns schon so das eine oder andere Mal in heftigste Diskussionen verfallen lassen. So auch heute. Ich verweise auf schöne, freie Parkplätze, die jedoch vom Fahrer mit einer Gelassenheit ignoriert werden, die ihresgleichen sucht! Tief durchatmen! Ganz ruhig!

Der erwählte und vom Gatten für gut befundene Parkplatz liegt mit Sicherheit kein Stück näher am Eingang, als meine vorab vorgeschlagenen. Nur dass wir ne knappe halbe Stunde das Gelände rund um das Möbelhaus erkundet haben. Auf diese Kleinigkeit komme ich später noch mal zu sprechen!

Wir rennen also, mit den Kindern an der Hand über den Parkplatz, weil es ja schüttet wie aus Kübeln! Wir erreichen das Paradies leicht durchnässt. Doch innen ist es ja trocken und warm! Leider ist das Paradies voll, mindestens ebenso voll, wie es der Parkplatz schon erahnen ließ.

„Ich will ins Kinderparadies!“ brüllt mein Erstgeborener. Die Mädels wollen auch und verkünden das nicht minder lautstark. ‚Ok!’ denke ich. Vielleicht können wir so ungestört durch das Möbelland schlendern, Arm in Arm.... Doch vor diesem Traum hat Ikea eine lange Schlange eingebaut. Diese Schlange befindet sich direkt vor dem Eingang zum sogenannten Småland. Das  Småland ist so etwas wie das Zwergenland, dem möbelhausinternen Kindergarten für die Kundenkinder. Wir gesellen uns zu dem Heer anderer Eltern, die anscheinend die gleichen Träume träumen wie wir. Brav füllt mein Mann den von Ikea kreierten Anmeldezettel aus, noch braver krame ich meinen Personalausweis aus meiner Tasche, denn auch dieses Dokument wird benötigt, um seine Kinder ordnungsgemäß zu parken. Mit stoischer Geduld reden wir auf die ungeduldigen Kinder ein. Gleich, ja, gleich sind wir sie los! Nur noch eine Familie vor uns. Und der Traum vom ungestörten Bummel wird gleich wahr werden. Doch  dann? Zack! Knallt diese liebenswürdige Småland-Mitarbeiterin namens Svenja uns ein Schild vor die Nase! Das Småland ist bis auf den letzten Platz besetzt!

Und nun komme ich noch mal auf die Begebenheit mit dem Parkplatz zu sprechen. Wo wären die Kinder jetzt, wenn wir nicht vorher eine halbe Stunde auf dem Parkplatz rumgekurvt wären??? G-E-N-A-U!

Jeder, der Kinder hat, kann sich diese Szene vorstellen. Enttäuschte Kinder, am Boden zerstörte Eltern! Unglaublich, wie schnell man sich wieder fängt. Wir reden unermüdlich auf die Brut ein, versprechen Eis und Cola, nur damit das Geplärre sich in annehmbaren Grenzen hält... Weil nicht nur unsere Gemüter leicht erhitzt sind, beschließen wir die Jacken in den Schließfächern zu verstauen. Und schon geht das Gezanke los. Welches Schließfach wäre das geeignetste? Unsere Nr. 1 besteht auf das Schließfach „7“, immerhin sein Alter. Nr. 2 übertönt diesen Wunsch mit lautstarkem „NEIN!“ und besteht auf die „28“. Dieses Ansinnen wird sofort vom kleinsten Familienmitglied torpediert! Sie will die „4“. Ich breche innerlich zusammen. Bloß nicht aufregen!! Diplomatisch, wie ich nun mal bin, greife ich alle Jacken und stopfe sie bestimmt in die Nr. 15. Ruhe? Denkste! Jetzt geht das Gezeter erst richtig los! Wer darf den Euro einschmeißen, wer die Tür schließen, wer den Schlüssel rumdrehen??? Unglaublich, aber wahr, wir schaffen es, diese Probleme zu lösen.

Zu fünft steuern wir die große Treppe an. Bald haben wir die Möbelausstellung erreicht. Jetzt beginnt mein innerliches Durchzählen, was sich im 5-Minutentakt ab nun bis zum Verlassen des Hauses automatisch wiederholen wird. Nicht auszudenken, hier würde man einen Sprössling verlieren!

Wir traben nun im Heer der Ikea-Kunden von Möbelstück zu Möbelstück. Gelegentliche Zurechtweisungen meinerseits verhallen ungehört. Wäre es jetzt nicht schön, seine Kinder im Småland zu wissen? Immerhin ist Ikea so freundlich und platziert hier und da Ständer mit kleinen Bleistiften, Maßbändern und Notizzetteln. Die Drei bewaffnen sich damit und sind vorerst zufrieden. Ein Zustand der sage und schreibe 7 Minuten anhält. „Ich hab Duuuuuuuaaaaaarst!“ Nee, ist klar! Ein schneller Blick auf den Wegweiser. Wir nehmen die Abkürzung zum Restaurant. Kaffee wäre ja jetzt auch nicht schlecht. Aufgeregt stürmt mein Sohn los. Die Mädels hinterher. Schweißgebadet fallen wir in den Galopp ein und nehmen die Verfolgung auf. Woher wissen die Drei eigentlich, wo lang es geht? Egal. Ziel erreicht! Heute schwimmen wir im Meer der Massen, nur waren diese Menschen schneller als wir. Alle sind schon im Restaurant, vor uns... Ich suche nach einem freien Tisch, während mein Mann – mit einem grauen Tablett bewaffnet - sich mit den Kindern ordentlich bei der Essensausgabe anstellt.

Ich belagere einen Tisch ganz in der Nähe der Kinderbelustigungen; zwei Häuser, mitten im Restaurant. In einem kann man motorische Fähigkeiten trainieren (pädagogisch durchaus zu empfehlen) und im anderen werden die Kinder angehalten, sich auf den Rücken zu legen und einen Film anzuschauen. Der Monitor befindet sich in der Decke des Spielhauses. Der pädagogische Sinn dessen hat sich mir noch nicht eröffnet. Muss es ja auch wohl nicht, denn ich bin ja nicht die Zielgruppe!

Meine Familie trabt an, breitet sich am Tisch aus. Auf dem Tablett stehen leere Gläser und zwei leere Kaffeetassen. Ich brauche meine Frage gar nicht laut zu artikulieren, denn mein Mann klärt mich unaufgefordert auf. Man kennt sich halt nach so vielen Jahren. Ikea verlangt nur einmal 1,30 Euro und man kann sich zu trinken holen, so oft man will. Tolle Idee! Und beim zweiten Befüllen des Glases hat man auch schon die Technik durchschaut. Gaaaaaaanz vorsichtig schiebt man sein Glas unter die Maschine und den Hebel gaaaaaaaanz langsam zurück. Beim ersten Mal duscht der Ikea-Neuling seine Hand und den Unterarm. In unserem Falle duschte mein Mann mit Cola.... Pepsi Cola....

Nachdem die Kinder genug gegessen und getrunken haben, machen sie sich auf den Weg, die Spielhäuser und das Terrain darum zu erforschen. Hier nun beginnt der entspannteste Teil unseres Ikea-Besuchs. Da sitzen wir nun, Mann und Frau, Vater und Mutter, gelassen die Kinder beobachtend bei einer Tasse Kaffee und genießen den Moment. Mein Blick schweift umher und es stellt sich ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Ich hab ja schon große Kinder. Die stecken keine fremden Pommes vom Fußboden in den Mund, die brauchen keine frische Windel oder eine gefüllte Mutterbrust! Ach ja, wir haben es gut!

Und genau in diesem friedlichen Augenblick erscheinen direkt neben mir zwei Personen, Anfang zwanzig, schätze ich. Ein Pärchen, jeder mit einem Tablett vor dem Bauch. Sie steuert zielgerichtet auf den freien Tisch neben unserem zu. Er, einen knappen halben Meter hinter ihr, schrickt zusammen. Eine dünne, zittrige Stimme erklingt „Haaa-aaaa-aaaase! Das ist das KINDERPARADIES!“ Sie versteht den Sinn seines Satzes nicht, sie will den freien Tisch!! Mit dem Rücken zur Wand platzieren sie sich und inspizieren den verhängnisvollen Ort. Da ihnen offensichtlich niemand ans Leder will, entspannen sich ihre Gesichtszüge

Was nun passiert, lässt mich meine Fassung fast verlieren. Beide nicken sich zu, greifen nach ihren Gabeln und stoßen mit besagtem Besteck an!! „Guten Appetit, Hase!“ Ich breche fast zusammen, der Gatte ebenfalls. „Wie sind die denn drauf?“ höre ich ihn lauthals lachen. Ich schnappe nach Luft und antworte „Haaaa-aaaaase, wir sind im Kinderparadies!“ Da soll noch mal einer sagen, nach zig Jahren Gemeinsamkeit, entwickele man nicht einen gemeinsamen Humor. Uns gelüstet es nach Totalverarschung besagten Pärchens. Nur unsere gute Erziehung hält uns zurück!

Da sitzen sie nun, sie im rosa Strickpullover, er im karierten Hemd, jeder eine Flasche Malzbier vor sich und pieken in ihren Pommes herum. Hämisch grinsend stelle ich mir die beiden ein paar Jahre weiter vor. Dunkle Ringe werden unter ihren Augen liegen, durchwachte Nächte werden sich unwiderruflich in ihren Gesichtern ablesen lassen, ein Spuktuch auf der Schulter, ein säuerlicher Geruch wird hinter ihnen herwehen.... „Haaaa-aaaaase, Kevin hat gekotzt!“ ‚Ja, ja, ihr kommt da auch noch hin!’ denke ich.

Nachdem wir Ikea genug getränkemäßig geschädigt haben, trommeln wir die Kinder zusammen. Wir wollen weiter! Aber wir können nicht. Da baut sich doch so eine Frau direkt vor mir auf! „Hallo!“ schmettert es auch schon. Ich starre in ein Gesicht, mein Gehirn schaltet einfach ab. Erst ein Stups meines Mannes holt mich zurück und ich überlege fieberhaft, wer sich da so freut, mich zu sehen. „Weißt Du nicht, wer ich bin?“ „Doooooooooch!“ antworte ich. Im Prinzip weiß ich das, nur jetzt gerade nicht. „Ach, und das ist Esther? Meine Güte! Ist die groß geworden!“ Klicker-Klicker! Ach ja! Jetzt weiß ich so ungefähr, wohin mit dieser Person. Spielgruppe anno dazumal! Immer noch hab ich keine Ahnung, wie die Gute heißt oder welches Kind zu ihr gehört. Ein großes schwarzes Loch. Ich lächle stumpfsinnig zurück. Kurzes Palaver und endlich können wir weiter.

Unser Weg führt nun die große Treppe hinunter in die Möbelhalle. Eigentlich haben wir alle genug von Ikea, doch das stehen wir jetzt tapfer bis zum Ende durch. Immerhin kommen wir nun in die gefahrenvollen Gefilde. Und schon ertappe ich mich dabei, wie ich mir eine große gelbe Tasche greife. Gefährlich, gefährlich! Was da nicht alles hinein passt, was man uneigentlich gar nicht braucht!

Nach und nach füllt sich die Tasche. Und eigentlich braucht man das ja auch alles! Oder? Selbst den Gatten erhascht die Kaufwut. Im Restaurant erkannte er plötzlich die Notwendigkeit neuer Hocker für die Küche. Und exakt diese gedenken wir auch mitzunehmen. Nur wo lagern diese Hocker mit dem klangvollen Namen „Benjamin“? Nicht umsonst war er jahrelang aktiver Pfadfinder. So ein Höckerchen soll doch wohl alleine zu finden sein! So durchschreiten wir Gang um Gang. Die Kinder sind unwillig, ich mittlerweile auch. Der Herr Gemahl schleppt uns zu ausgestellten Gartenstühlen und Tischen. Ich nehme Platz auf einem Stuhl namens „Skärö“ und werfe ganz automatisch einen Blick auf das Preisschild. Hm, 19,95 Euro.... geht noch, oder? Freudestrahlend erscheint mein Mann wieder auf der Bildfläche; zwei Hocker im Arm. ‚Siehste!’ verkündet sein Blick triumphierend ! Und dann fiel uns so kurz vor knapp doch noch ein, dass die Kinder eine Sprossenwand bekommen sollten. Ich persönlich verfüge nicht mehr über die nötigen Reserven um dieses Klettergerüst zu suchen. Gerade als ich mich wieder zurück lehne, zischt ein Stück Styropor an meinem Kopf vorbei. „Ich bin Luke Skywalker, das ist mein Laserschwert!“ erschallt es glockenklar und schon verschwindet mein Sohn mit lautem Gebrüll zwischen den Regalen. Mir egal, ich bin platt. Mein alternder Pfadfinder scheint nicht fündig geworden zu sein. Er steht jedenfalls irgendwann am Infoschalter und wartet auf Beantwortung seiner Frage nach der Sprossenwand.

Mit hängenden Schultern erklärt er mir, dass wir in sechs Wochen erneut dieses Abenteuer wagen werden. Denn die schöne Sprossenwand ist noch gar nicht lieferbar. Ich erhebe meinen müden Körper, rufe nach den Kindern und will zur Kasse. Luke Skywalker, durch das Laserschwert voller Tatendrang, rast voran. Die beiden Prinzessinnen schwächeln kollektiv mit mir und maulen herum.

Wir erreichen den Kassenbereich. Luke Skywalker ist nach wie vor vom Erdboden verschluckt. Sorgen müssen wir uns ja keine machen, er hat ja sein Laserschwert dabei. Unsere Blicke checken die Schlangen an den Kassen. Ganz hinten ist noch eine, da ist es fast leer. Mit eiligen Schritt laufen wir unserem Ziel entgegen und drei Meter vor Zielerreichung geht plötzlich das Licht der Kassennummer aus. Geschlossen! Ach, menno!!! Immer wir!!!

Erstaunlich schnell schaffen wir es, unsere Ware zu bezahlen. Wir folgen dem Strom der Besucher nach draußen. Das Wetter erinnert uns, die Jacken!!!! Ok, alle wieder rein. Und weil es ja heute jemand auf uns abgesehen hat, macht so ein Sicherheitsbeauftragter direkt vor unserer Nase den Durchgang zu den Schließfächern zu. Haaaaalllloooo???? Da sind unsere Jacken!! Ikea ist ja modern, das Flatterband beschützt die Einkaufswagen vor den Kunden! Aha, kaum sind alle Einkaufswagen von A nach B geschoben, öffnet der Mitarbeiter auch wieder den Durchgang. Große Freude auf beiden Seiten der Absperrung!

Wer jetzt denkt, wir haben es geschafft, der irrt! Die Schließfächer befinden sich ja direkt neben Småland! Und schon werden Erinnerungen wach! „Ich will ins Kinderparadies!“ brüllen unsere Kinder voller Inbrunst. „Ich will nach Hause!“ falle ich lautstark ein! Kinder können so uneinsichtig sein! Mütter auch! Ich krame in meiner Handtasche nach dem Schließfachschlüssel und werde wüst beschimpft, als ich es wage, das Fach alleine zu öffnen. Irgendwann sind wir alle in unseren Jacken. Wer, um Himmels Willen, hat dort direkt neben die Tür, eine Hollywood-Schaukel gestellt? Die Drei belagern das Gartenmöbel augenblicklich und verweigern das Mitkommen! Es fehlt nicht viel und ich geselle mich zu ihnen. Aber letztlich siegt mein Verstand! Mit der Stimme eines Oberfeldwebels befehle ich die Drei nach draußen. Was interessieren mich die anderen Leute. Die kenne ich ja hoffentlich nicht!

Am Auto ereilt uns das gleiche Schicksal, wie bereits zu Hause. Die Kinder sitzen trocken im Wagen, während wir uns nass regnen lassen müssen... Wessen Idee war das noch mal, dieses Auto zu nehmen, wo doch das andere weitaus komfortabler ist???

So ein Ikea-Besuch macht übrigens aus mir eine ruhige Beifahrerin. Nörgelte ich noch auf dem Hinweg über die Fahrweise meines Angetrauten, so verharre ich nun im stumpfen Schweigen. Ich will nach Hause, ich will auf mein Sofa! Und dieses Sofa ist Gott sei Dank nicht von Ikea!

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