Und wie geht es weiter

Herbert 

Herbert steht immer noch ziemlich verdattert an der Parkbank. Elsas Gesicht bekommt langsam wieder etwas Farbe. Man sieht ihr an, dass es in ihrem Kopf arbeitet, ganz im Gegensatz zu Herbert. Sein Blick geht ins Leere. „Herbert?“ spricht Elsa ihn zaghaft an. Keine Reaktion. „Herbert!!“ versucht sie es noch mal etwas lauter. Langsam dreht sich sein Kopf zu ihr. „Ja?“ antwortet er immer noch ziemlich dümmlich dreinschauend. „Komm!“ sagt sie energisch und zieht ihn an der Hand hinter sich her. Herbert lässt es willenlos geschehen. Elsa stampft mit ihren kräftigen Beinchen durch den Park, Herbert bekommt die Füße kaum hoch und trottet brav hinterher. Dabei schnattert Elsa ohne Unterlass vor sich hin. Bald erreichen sie den Ausgang. Hier bleibt sie stehen. „Herbert! Krieg dich wieder ein! So geht das doch nicht! Was ist schon passiert? "Nichts!“ Herbert scheint ihre Worte nicht zu verstehen und stiert sie einfach nur an. „Weißt du was? Sieh zu, wie du nach Hause kommst. Das ist mir alles zu blöd. Steht da wie ein Trottel! Nee, Herbert, nicht mit mir!“ schimpft sie los. Herbert reagiert immer noch nicht. „Ich geh jetzt!“ warnt sie ihn. Herbert nickt. „Wo ist Anke?“ fragt er mit leiser Stimme. „Wo ist WER?“ Elsa schnappt nach Luft. Ihr reicht es. Sie wirft ihre Haare zurück und noch einen kurzen Blick auf Herbert. Dann verschwindet mit eiligen Schritten Richtung Bahnhof. 

In ihr tobt es. In Gedanken geht sie den heutigen Abend noch mal durch. Und es fällt ihr wie Schuppen von den Augen. Herbert ist ein Schwächling! Wie konnte sie nur so blind sein? Ihre Wut steigert sich ins Unermessliche. Endlich fährt ihr Zug ein. Sie sucht sich einen Platz und wütet weiter vor sich hin. Die Mitreisenden werfen befremdliche Blicke auf sie, aber das ist ihr egal. Sie will nach Hause, bloß schnell nach Hause. 

Zeitgleich nimmt Herberts Gehirn seine Tätigkeit wieder auf. Er nimmt wahr, dass er alleine am Ausgang des Stadtparks steht. Was war nur geschehen? War das alles wirklich passiert? Herbert schüttelt den Kopf und reibt sich an der Nase. Wo ist Anke? Wo ist Elsa? Auf den Schrecken braucht er erst mal ein Bier. Er steuert den nächsten Kiosk an und bestellt sich eins. Es ist schon ein trauriger Anblick, wie er da so steht auf dem Bahnhofsvorplatz; die Aktentasche zwischen den Füßen. Irgendwann hat er sich soweit gefangen, dass er die Heimfahrt antreten kann. Tausende Gedanken besetzen sein Gehirn.  

Zu Hause angekommen, erwartet er eigentlich Anke. Aber sie ist nicht da. Nicht mal ein Zettel liegt auf dem Tisch. Ihm setzt die Stille zu Hause zu. ‚Wo sind die Mädchen?’ denkt er plötzlich. Ein für ihn eher untypischer Gedanke. Er wartet noch eine halbe Stunde ab, dann begibt er sich auf die Suche in der Nachbarschaft.  

Weit muss er nicht laufen. Direkt am Nachbarhaus öffnet sich sofort eine Tür. „Suchst du Deine Mädchen?“ erklingt die Stimme von Susanne. „Ja.“ Antwortet er monoton. „Deine Schwiegermutter hat sie vorhin abgeholt. Ist was passiert?“ „Nein.“ Entgegnet er. „Herbert, alles klar bei dir?“ Susanne gibt keine Ruhe. Herbert lässt sie stehen und verschwindet wieder in seinem Haus. 

Er überlegt kurz, wo Anke wohl stecken mag. Aber der Tag an sich barg mehr an Spannung und Aufregung, als Herbert ertragen konnte. Sein erster Weg zu Hause führt ihn in den Keller. Dort versorgt er sich mit ein paar Flaschen Bier. Das Bier hat ihm eben doch auch so gut getan, denkt er sich. Im Wohnzimmerschrank findet er noch die passende Tüte Chips und ein gemütlicher Abend kann beginnen. Doch vorher schlüpft er noch schnell in seine geliebte Jogginghose und in seine alten Schlappen. Dann stellt er alle Utensilien auf den Couchtisch und schaltet den Fernseher ein. „Himmlisch, diese Ungestörtheit!“ brabbelt er vor sich und stopft sich eine volle Hand Chips in den Mund. Er zappt von Programm zu Programm ohne dass jemand meckert. Dann kippt er sich das Bier den Hals hinunter und muss herzhaft rülpsen. Vergessen sind Anke und Elsa.  

Am nächsten Morgen erwacht er mit höllischen Kopfschmerzen. Er guckt neben sich und ist erst überrascht, alleine zu sein. Doch dann holen ihn die Erinnerungen an den vergangenen Tag ein. ‚Komisch, Anke ist ja immer noch nicht da...’ grummelt er verschlafen. Im Medizinschrank findet er die Kopfschmerztabletten und nimmt zwei davon, ehe er unter der Dusche verschwindet. Nach der Dusche steigt er in seinen beigefarbenen Anzug und bindet sich eine dunkelbraune Krawatte um, schnappt sich im Hinausgehen noch schnell die Tageszeitung und eilt zum Bahnhof. 

Dort erblickt Herbert Elsa. Sie hätte er lieber jetzt gerade nicht getroffen. ‚Mist aber auch! Besser ich sehe sie nicht.’ Denkt er und stellt sich ein gutes Stück von ihr entfernt hin. 

Elsa hatte es auch eigentlich nicht erwartet. Trotzdem ist sie enttäuscht und wütend, dass Herbert sich nicht zu ihr stellt. Keinen Blick hat er für sie. Der Zug fährt ein. Als Elsa in Herberts Höhe ist, faucht sie ihm ein „Mistkerl!“ zu. Herbert zuckt kurz zusammen und ist dankbar, dass nicht mehr passiert. ‚Den Rest wird die Zeit regeln.’ beruhigt er sich selbst. 

Im Büro holt er sich wie immer erst eine Tasse Kaffee und beginnt dann in der Zeitung zu blättern. Er muss den Tag langsam beginnen, sonst sinkt seine Laune sofort ins Bodenlose. 

Den Arbeitstag bringt er wie gewohnt hinter sich. Heute braucht er keine Überstunden machen. Er will früh am Bahnhof sein, nur um Elsa nicht schon wieder über den Weg zu laufen. Und er hat Glück. Im Zug fällt ihm Anke wieder ein. Ob sie wohl zu Hause ist?

 

Anke 

Jörg schließt die Wohnungstür auf. Anke geht direkt ins Wohnzimmer und ruft „Wo sind die Sektgläser?“ Der Sektkorken knallt, Anke kichert und Jörg ist mit der Situation leicht überfordert. ‚Wie kann eine Frau den vermeintlichen Seitensprung ihres Mannes feiern?’ überlegt er kopfschüttelnd. Anke trinkt das Glas in einem Zug leer und verlangt nach mehr. Jörg nippt nur an seinem Glas und schon hat Anke ihres wieder geleert. Sie streckt ihm das Glas entgegen. 

Jörg ist es unwohl. Er beobachtet wie Anke sich nach und nach betrinkt. „Hast du noch mehr zu trinken?“ fragt Anke mit leicht schwerer Zunge. „Meinst du nicht, es reicht fürs erste?“ antwortet er. „Nein, ich will mich betrinken!“ erwidert sie ungeduldig. Auf einen Streit mit ihr legt er jetzt keinen Wert. Er holt eine Flasche Rotwein und schenkt ihr ein. Anke leert auch dieses Glas mit einem Zug. „Soll ich uns etwas zu essen machen?“ tastet sich Jörg wieder vor. „Ja, mach mal!“ lallt Anke zurück. Als Jörg später mit ein paar Schnittchen wieder im Wohnzimmer erscheint, ist die Flasche Wein fast leer und Anke liegt ausgestreckt auf dem Sofa. „Auch gut!“ Er nimmt die Decke vom Sessel und deckt Anke zu. „Warum muss das ausgerechnet mir passieren?“ stöhnt Jörg und genehmigt sich einen großen Cognac eher er im Schlafzimmer verschwindet. 

Am nächsten Morgen legt Jörg ihr einen Zettel auf den Küchentisch und fährt zur Schule. Er hofft, dass er vor weiteren Schwierigkeiten verschont bleibt. Jetzt in einen Ehestreit hineingezogen zu werden, würde seinem Ruf nur schaden. Immerhin ist er der neue Lehrer an der Schule. 

Anke erwacht mit brummendem Schädel, das Licht brennt in ihren Augen. Sie versucht sich zu orientieren und zu erinnern. ‚Ach ja.... hier bin ich. Ob Jörg wohl Kopfschmerztabletten hat?’ faselt sich vor sich hin. Im Badezimmerschrank wird sie fündig. 

Anke löst sich zwei Tabletten auf. In Verbindung mit einem starken Kaffee setzt die gewünschte Wirkung bald ein. Dann zieht sie sich an und fährt nach Hause. 

Kaum biegt sie in ihre Straße ein, sieht sie auch schon Susanne am Gartenzaun lauern. ‚Die fehlte mir gerade noch!’ denkt sie als sie Susanne anlächelt. „Anke! Wo kommst Du denn her?“ ruft Susanne schon quer über die Straße. Anke gelüstet es gerade gar nicht nach einer Lebensbeichte und antwortet: „Erzähl ich Dir später. Hab jetzt leider keine Zeit!“ Schnell verschwindet sie im Haus. Dort empfängt sie ein muffiger Gestank. Ein Blick ins Wohnzimmer lässt ihre Alarmglocken schrillen. 

Herbert hatte es nicht für nötig befunden, sein gestriges Gelage zu beiseitigen. Unzählige leere Bierflaschen, eine leere Chipstüte, eine halbleere Dose Erdnüsse und eine angefressene französische Salami liegen auf dem Tisch. Im Bad liegt die widerliche Jogginghose vor der Toilette. Mit spitzen Fingern hebt sie das verhasste Kleidungsstück auf und schmeißt es in die Mülltonne. Während sie im Wohnzimmer anfängt aufzuräumen, kommt ihr ein Gedanke. Ist sie noch zu retten? Was tut sie hier? Sie lässt alles stehen und liegen und geht zum Telefon um ihre Mutter anzurufen. Ja, den Mädchen gehe es gut. Ja, sie seien pünktlich in der Schule gewesen. Und ja, auch heute Mittag wäre es kein Problem. Sie kümmere sich um die Zwillinge. Ankes Mutter stellt keine Fragen und dafür ist Anke ihr dankbar.

Was nun? Sie beschließt in die Stadt zu fahren. Ein neues Outfit muss her! Sie setzt sich in ihren Wagen und fährt los. Noch im Auto überlegt sie sich, dass eine neue Frisur ihre Stimmung durchaus verbessern könnte.  

Sie parkt ihren Wagen in der Tiefgarage und läuft mit festen Schritten direkt zum Friseur im Einkaufszentrum. An der Theke wird sie von einem gepflegten jungen Friseur begrüßt. Anke freut sich. Genau der richtige Typ, so ein freundliches Kerlchen tut ihr jetzt gut. „Mein Name ist Daniel!“ flötet er und weißt ihr einen Stuhl zu. „Was kann ich denn schönes für sie tun?“ ‚Ach herrlich!’ denkt Anke. Der junge Mann erfüllt alle Klischees, die man Friseuren so nachsagt. Er plaudert locker vor sich hin, wäscht mit Inbrunst ihre Haar und rät ihr zu einer neuen Haarfarbe. Anke ist begeistert! Sie überlässt ihren Schopf Daniel. Dieser wiederum kann sein Glück kaum fassen. Er darf sich austoben! Mit Feuereifer macht er sich an die Arbeit. Zuerst schneidet er großzügig an der Länge rum, dann rührt er auch schon in kleinen Töpfchen die Farbe an. Anke schaut ihm gespannt zu. Als er die Farbe in ihren Haaren verteilt, schließt sie die Augen. Erst wenn das Werk vollbracht ist, will sie es sehen. Daniel schnattert die ganze Zeit fröhlich vor sich hin. Anke genießt das. So braucht sie sich wenigstens keine Gedanken machen! 

Plötzlich wird Daniel ganz still. Er beugt sich an ihr Ohr und flüstert: “Gnädige Frau, voilà!“ Anke holt tief Luft und öffnet ihre Augen. „Cool!“ ruft sie aus. Aus ihrer Hausfrauenfrisur ist ein flotter Kurzhaarschnitt geworden. Ihr Straßenköterblond ist einem dunklen, warmen Rot gewichen. Anke kneift sich in den Arm Ist sie das wirklich??? 

Nachdem sie Daniel mit einem großzügigem Trinkgeld bedacht hat, macht sie sich beschwingt auf den Weg. Sie steuert eine angesagt Boutique an und lässt sich ausgiebig beraten. Nachdem sie sich für eine knappe schwarze Jeans und eine dunkelgrüne Korsage entschieden hat, geht es ihr besser. Sie betrachtet sich im Spiegel und erkennt sich selbst kaum wieder. Jetzt fehlen nur noch die richtigen Schuhe! Zielsicher greift sie nach ein paar hochhackigen Sandalen. Perfekt! 

Zur Feier des Tages lädt Anke sich selbst in ein Straßencafé ein. Sie bemerkt die bewundernden Blicke der vorbei flanierenden Männer und es fühlt sich gut an. Mit erheblich gestärkter Laune tritt sie den Heimweg an. Ob Herbert schon zu Hause ist?

 

 

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