
Wie jeden Morgen bringt
Anke ihre Kinder zur Schule. Wie immer trifft sie dort am Schulhof auf andere Mütter
und wie immer hält man morgens ein kurzes Schwätzchen. Endlich ist es Frühling.
Die Luft ist frisch und die allgemeine Laune steigt zusehends. Ausgelassen toben
die Kinder auf dem Schulhof herum, fröhliches Lachen ertönt aus allen
Richtungen. Nach und nach treffen auch die Lehrer an ihrem Arbeitsplatz ein. Man
grüßt kurz und schon verschwinden die Pädagogen in der schönen, alten
Schule. Als der Schulgong ertönt, lösen sich auch allmählich die kleinen Müttergesprächsrunden
auf.
Anke steigt in den Wagen
und fährt noch schnell zum Supermarkt. Eigentlich macht sie das auch fast jeden
Morgen. So kommt man wenigstens unter Leute. Zuhause ist es ja still und nicht
besonders unterhaltsam.
An diesem Morgen ist Anke
leicht kribbelig. Heute Nachmittag hat sie einen Termin zum Elternsprechtag bei
dem neuen Klassenlehrer ihrer Töchter. Herr Baum ist erst seit ein paar Wochen
an der Schule und eine sehr sympathische Erscheinung. Bei seinem ersten
Elternabend in dieser Klasse fiel Anke sofort auf, dass es sich um einen außergewöhnlichen
Mann handelte. An jenem Abend schlug ihr Herz sofort schneller, wenn er sie
direkt ansprach. Und das tat er verhältnismäßig oft. Der heutige Termin,
alleine mit Herrn Baum, versetzt Anke etwas in Aufregung. Immerhin stellt ein
solche Verabredung durchaus eine aufregende Abwechslung ihres sonst sehr
geordneten Lebens dar.
Zu Hause erledigt sie alle
hausfraulichen Tätigkeiten mit gewohnter Routine. Das Essen wird schnell
vorbereitet und bald schon ist der Vormittag vorbei.
Mit den laut schnatternden
Zwillingen fährt sie zurück. Sie essen gemeinsam und schon ermahnt sie ihre Töchter,
die Hausaufgaben zu machen. Beide Mädchen gehen leicht mürrisch in ihre
Zimmer. Anke bringt die Küche wieder auf Vordermann, wie jeden Tag.
Noch während ihre Mädchen
über den Hausaufgaben brühten, macht sie sich etwas zurecht. Immerhin soll der
neue Lehrer ja einen guten Eindruck von ihr bekommen. Sie erneuert ihr Make-up
und zieht sich um. Da sie immer noch eine gute Figur hat, betont sie diese heute
leicht. Das neue T-Shirt unterstreicht ihr schönes Dekolletee. Sie ist mit
ihrem Erscheinungsbild zufrieden. Zum Schluss noch einen Hauch von Parfüm und
schon kann es losgehen.
Leicht nervös nimmt sie
auf einem der kleinen Stühle vor dem Klassenzimmer Platz. Noch ist eine Mutter
vor ihr drinnen. Doch bald öffnet sich die Tür. Herr Baum lächelt sie
freundlich an und verabschiedet die andere Mutter.
„Frau Kaiser! Schön Sie
zu sehen. Kommen sie doch rein!“ lauten seine ersten Worte an sie. Man gibt
sich die Hand und verschwindet im Klassenzimmer. Herr Baum bietet ihr einen
Platz neben dem Lehrerpult an. Anke setzt sich und guckt ihn verstohlen an.
Dieser Mann ist es wohl gewöhnt, still gemustert zu werden. Er lässt sich
jedenfalls nichts anmerken. Schnell kommt er zum eigentlichen Thema, den
schulischen Leistungen ihrer Töchter. Wie nicht anders zu erwarten, gibt es
kaum etwas zu besprechen. Die Mädchen sind gute Schülerinnen und allgemein
beliebt. Anke ist leicht verunsichert. Herr Baum guckt ihr während des ganzen
Gesprächs – wie schon am Elternabend - immer tief in die Augen. Seine warme
Stimme löst etwas in ihr aus. Sie kann seinem Blick kaum standhalten. „Haben
sie eigentlich eigene Kinder?“ fragt Anke unvermittelt. „Nein, ich bin
unverheiratet und hab auch keine eigenen Kinder. Mir reichen die 23 Kinder
hier.“ lacht er sie an. „Und sie? Gibt es noch mehr Kinder außer den
Zwillingen?“ fragt er nun. Anke schüttelt den Kopf. „Nein, mir reichen die
Zwillinge auch!“ lächelt sie zurück. Eigentlich könnte sie jetzt gehen,
aber sie will gar nicht. Wann hat sie schon mal die Gelegenheit mit einem
attraktiven Mann ein Gespräch zu führen. Herbert, ihr Mann, ist im Laufe der
Jahre immer schweigsamer geworden. Sie haben sich nicht mehr so viel zu erzählen.
Und hier sitzt sie nun und hat das Gefühl, jemanden getroffen zu haben, der
sich gerne mit ihr unterhält. „Tja, Frau Kaiser und nun?“ unterbricht Herr
Baum ihre Gedanken. „Wie meinen sie das?“ sagt sie und könnte sich spontan
für diese Antwort ohrfeigen. „Über ihre Töchter müssen wir uns eigentlich
nicht länger unterhalten. Ich heiße übrigens Jörg.“ Auch dabei lächelt er
sie an. Sie stutzt einen kurzen Moment. „Der Name passt zu ihnen. Ich heiße
Anke.“ Antwortet sie leise, jedoch ohne ihn dabei anzusehen. „Darf ich sie
mal anrufen, Anke? Dann könnten wir mal in Ruhe reden. Ich würde mich wirklich
gerne mal so mit ihnen unterhalten.“ Anke traut ihren Ohren kaum.
Interpretiert sie nun zuviel in diese Worte? Warum schlägt ihr Herz so wild?
„Gerne. Rufen sie an, wann immer es ihnen passt. Ich bin viel zu Hause.“ Mit
diesen Worten erhebt sie sich und reicht ihm ihre Hand. „Bis bald. Ich melde
mich.“
Kurz danach steht Anke
wieder vor der Klassentür. Sie ist völlig verwirrt. ‚Bleib lässig!’
befiehlt sie sich. Im Auto stellt sie das Radio an und dreht sofort die Lautstärke
höher. Getragen von der lauten Musik hebt sich auch ihre Stimmung. Die
Aufregung legt sich und es stellt sich ein lang vermisstes Gefühl ein. Es fühlt
sich so gut an und dieses Gefühl will sie sich lange bewahren.
Von nun an traut sie sich
kaum mehr aus dem Haus. Jörg könnte ja anrufen und diesen Anruf will sie unter
keinen Umständen verpassen. Einige Tage vergehen und nichts passiert. Ihr
Stimmung sinkt mit jedem vergangenen Tag. Sicherlich hat sie sich das alles nur
eingebildet. Was sollte dieser Mann schon von ihr wollen?
Das Wochenende vergeht wie
jedes Wochenende. Herbert ist übellaunig. Jeder Handschlag ist ihm zuviel. Die
Kinder sind den ganzen Tag draußen und spielen mit den Nachbarskindern. Anke fühlt
sich entsetzlich allein.
Endlich ist Montag. Sie
bringt die Mädchen zur Schule, heute in der Hoffnung, Jörg kurz zu sehen. Doch
sie hat Pech. Die Schwätzchen am Schulhofrand gehen ihr auf die Nerven. Ihre
Hausarbeit nervt sie noch viel mehr heute. Doch kurz bevor sie wieder losfährt,
die Zwillinge abzuholen, klingelt das Telefon. „Ich bin’s. Jörg.“ Anke
kann es kaum glauben. „Hallo Jörg!“ antwortet sie. „Entschuldige, dass
ich erst jetzt anrufe. Es ging nicht eher.“ Ihr fällt sofort auf, dass er sie
duzt. „Kein Problem.“ „Ich wollte mich nur kurz melden und hören, wie es
Dir geht.“ „Bestens und.... Dir?“ nur mühsam schafft sie es, ihn zu
duzen. Seine Stimme klingt am Telefon unglaublich gut, findet sie. „Anke, ich
mach das sonst nie, Mütter meiner Schüler anzurufen. Ich kann mir das jetzt
auch gar nicht erklären. Ich wollte Deine Stimme gerne wieder hören.“ Ankes
Herz setzt für einen Moment aus. „Ich mach das sonst auch nie, mit den
Lehrern meiner Kinder außer der Reihe zu telefonieren.“ nimmt sie den Faden
auf. Etwas der Anspannung verfliegt. „Meinst Du, wir könnten mal einen Kaffee
zusammen trinken?“ fragt Jörg. „Ja, gerne!“ erwidert sie. „Hast Du
morgen Nachmittag eventuell schon Zeit?“ will Jörg wissen. Und auch diese
Frage beantworte sie mit ja. Sie vereinbaren, sich in einem Café in der Stadt
zu treffen. Innerlich jubiliert es in Anke. Er hat angerufen!! Beim Autofahren fällt
es ihr schwer, sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren.
Irgendwie schafft sie es,
den folgenden Nachmittag herum zu kriegen. Der Abend gestaltet sich wie jeder
Abend. Herbert bestimmt das Fernsehprogramm. Heute empfindet sie diese Situation
noch schlimmer als sonst. Sie sieht ihren Mann auf dem Sofa liegen, die
ausgebeulte Jogginghose schmerzt in ihren Augen. Unweigerlich vergleicht sie
Herbert mit Jörg. Herbert schneidet schlecht ab. Sie überlegt, wann es
angefangen hat, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. ‚Eine stille
Wohngemeinschaft sind wir geworden’, denkt sie. Herbert verdient das Geld, sie
versorgt die Familie. Wahrscheinlich geht es Millionen anderer Frauen ähnlich.
Nur, dass Millionen anderer Frauen morgen keine Verabredung mit dem Lehrer ihrer
Kinder haben, schmunzelt sie in sich hinein. Sie hält diesen Abend kaum aus und
verschwindet ungewöhnlich früh im Bett. Ihr Buch ist definitiv unterhaltsamer
als ihr Gatte.
Am nächsten Morgen wacht
sie schon mit einem Gedanken an ihre Verabredung auf. Ihre Nervosität stellt
sich prompt wieder ein. Am Schulhof hält sie sich heute nicht auf, denn sie möchte
aus unerfindlichen Gründen Jörg nicht begegnen. Zu Hause gönnt sie sich ein
langes Bad und legt sich die Kleidung für den Nachmittag schon mal zurecht.
Wie immer holt sie die
Zwillinge ab. Sie isst mit den Kindern zu Mittag, danach räumt sie wie gewöhnlich
die Küche auf, die Zwillinge machen die Hausaufgaben. Kurz vor drei gehen die Mädchen
zu ihren Freundinnen. Alles passt zeitlich perfekt. Schnell macht sie sich etwas
frisch und schlüpft in die helle Jeans und den olivgrünen Pulli. Vor dem
Spiegel erneuert sie ihr Make-up und bürstet ihre schulterlangen, dunkelblonden
Haare. Fertig!
Mit eiligen Schritten läuft
sie zum Auto und fährt Richtung Innenstadt. Sie hat Glück und findet direkt
vor dem Café einen Parkplatz. Exakt in diesem Moment radelt Jörg auch schon
vor. Er sieht sie sofort und beginnt strahlend zu lächeln. Sie erwidert dieses
Lächeln, nur etwas zaghafter.
„Gehen wir hinein?“
fragt Jörg, als ob er sich nicht sicher wäre, dass sie bliebe. Anke nickt und
schon gehen sie ins Café. Im hinteren Teil ist es menschenleer. Sie suchen sich
einen Fensterplatz. Anke ist nervös und man sieht es ihr auch an. Jörg scheint
die Ruhe selbst zu sein. Seine blonden Haare leuchten in der Sonne, seine
Bewegungen stahlen Selbstsicherheit aus. Anke klemmt sich von Zeit zu Zeit ihre
Haare hinter die Ohren.
Nachdem sie ihre
Bestellung aufgegeben haben, sagt keiner ein Wort. Jörg betrachtet Anke, Anke
schaut vorsichtig zurück. „Ich bin etwas nervös. Entschuldige!“ erklärt
sie. „Ich doch auch!“ antwortet Jörg. Und so fangen sie dann doch an, sich
etwas zu erzählen. Jörg berichtet von seinem Beruf, den Kollegen und seinen
Hobbys. Anke taut langsam auf. Bei ihr gibt es nicht so viel zu erzählen. Doch
Jörg hört so interessiert zu, als habe er noch nie von einem Hausfrauendasein
gehört. Anke fühlt sich geschmeichelt und gewinnt an Selbstvertrauen. Sie
bemerkt seine wohlwollenden Blicke. Nach gut zwei Stunden will Anke nach Hause.
Sie möchte vor Herbert ankommen. Beim Abschied hält Jörg ihre Hand lange fest
und sieht sie fragend an. „Wiederholen wir das mal?“ „Gerne, sehr
gerne!“ lächelt Anke ihn an. „Ich rufe Dich an. Und diesmal eher. Ganz
bestimmt!“ antwortet Jörg. Er schwingt sich auf sein Rad, Anke steigt in
ihren Wagen. Wieder stellt sie das Radio an und wieder dreht sie die Lautstärke
sehr hoch. Mit geröteten Wangen singt sie den Titel laut mit. Sie ist glücklich.
Herbert kommt wieder sehr
spät von der Arbeit. Auf ihre anfänglichen Fragen, warum er neuerdings so
viele Überstunden machen muss, ist Herbert mit einer abwehrenden Handbewegung
hinweg gegangen. Heute fragt sie nicht. Er würde ja sowieso nicht antworten.
Der Abend verläuft wie unzählige vorher. Auch heute geht Anke früh ins Bett,
sie kann Herbert nach diesem schönen Nachmittag einfach nicht ertragen. Nach
einiger Zeit schläft sie über dem Buch ein. Als Herbert später ins
Schlafzimmer poltert, wird sie wach. „Rüpel!“ denkt sie und dreht sich um.
Kaum liegt Herbert im Bett, schnarcht er auch schon wie ein alter Bär. ‚War
das immer so?“ fragt sie sich. Nein, früher war Herbert anders. Ganz anders
sogar. Aber darüber mag sie jetzt nicht weiter nachdenken. Sie ist müde und
versucht krampfhaft die Schnarcherei zu überhören. Irgendwann fällt auch sie
wieder in tiefen Schlaf.
Am nächsten Tag ruft Jörg
an. Anke freut sich sehr. Diesmal wollen sie sich im Stadtwald treffen,
vereinbaren sie. Das Wetter hält sich und ist nach wie vor frühlingshaft warm.
Anke ist heute auch mit dem Rad hier. Jörg steht schon an der vereinbarten
Stelle im hinteren Teil des Parks. So früh am Nachmittag ist noch nicht so viel
los. Anke beruhigt das etwas. Wäre ja zu dumm, ausgerechnet hier jemand
Bekanntes zu treffen. Jörg braucht diese Bedenken ja nicht zu haben.
Anke radelt auf Jörg zu.
Beide begrüßen sich mit einem Wangenkuss, der Ankes Herz sofort höher
schlagen lässt. Sie gehen ein Stück zu Fuß und schieben die Räder neben sich
her. Jörg plaudert fröhlich von der Schule, Anke hört zu. Noch ist sie wieder
viel zu aufgeregt. Doch Jörgs lockere Plauderei lassen sie merklich entspannen.
„Sollen wir uns einen Moment setzen?“ fragt Jörg und deutet auf eine
Parkbank. „Ja, gerne!“ antwortet Anke. Sie nehmen Platz und Jörg erzählt
unverdrossen weiter. „Wie war denn eigentlich Dein Tag?“ will er plötzlich
wissen. Bei dieser Frage legt sich sein Arm ganz selbstverständlich um Anke.
Sie legt ihren Kopf an seine Schulter und antwortet. „Ach, wie immer. Nichts
besonderes.“ So sitzen sie eine ganze Weile und genießen die Ruhe und
Zweisamkeit. Weit weg sind die Gedanken an Zuhause, die Kinder oder Herbert. Für
Anke ist die Welt für einen kurzen Moment stehen geblieben.
Irgendwann naht der
Zeitpunkt des Abschieds. Anke blickt auf die Uhr und sagt: „Ich muss leider
los. Wer weiß, wann Herbert heute nach Hause kommt? Besser ich bin vor ihm
da.“ Beide stehen auf und Jörg zieht Anke an sich. Sie schließt die Augen
und lässt es gerne geschehen, dass er sie zum Abschied küsst.
Den Bauch voller
Schmetterlinge radelt Anke nach Hause. Herbert lässt heute wieder auf sich
warten. Aber mittlerweile ist es ihr egal. ‚Soll er doch im Büro
versauern!’ denkt sie.
Von nun an treffen die
beiden sich häufig. Es entwickelt sich schnell mehr als eine Romanze zwischen
ihnen. Eines Tages bittet Jörg sie, ihn zu Hause zu besuchen. Anke überlegt
kurz und willigt ein. Ein Besuch bei ihm zu Hause ist weitaus gefährlicher als
ein Besuch im Park. Sie verschwendet einen kurzen Gedanken an Herbert. Doch
dieser Gedanke bestärkt sie nur. Herbert lebt sein eigenes Leben. Er zeigt kein
Interesse mehr an ihr. Anke fühlt sich zu jung, um ewig dieses Einerlei zu
Hause mit zu machen. Endlich fühlt sie sich wieder als Frau begehrt.
Mit pochendem Herzen
steigt sie die Treppen zu Jörgs Wohnung hinauf. Jörg öffnet die Tür noch
bevor sie anklopfen kann. Er zieht sie gleich zärtlich an sich und schließt
die Tür. Was sich nun hinter dieser Tür abspielt, lässt sich erahnen. Es
beginnt eine leidenschaftliche und heimliche Liebe.
Anke blüht durch Jörgs
Liebe auf. Seine Zärtlichkeiten, seine Aufmerksamkeit und seine Worte sind wie
Balsam für sie. Herbert bekommt von alle dem nichts mit. Er ist nach wie vor
verschlossen, macht Überstunden wie noch nie und benimmt sich wie ein Gast im
eigenen Haus. Anke macht das nichts mehr aus.
So verlaufen die nächsten
Wochen. Nach außen wirkt alles normal. In das Innere eines Menschen kann man
jedoch nicht blicken.
Eines Tages verabreden
sich Anke und Jörg wieder im Park. Sie waren lange nicht mehr dort. Und heute
passiert, was Ankes komplettes Weltbild ins Wanken bringt. Kurz vor dem
vereinbarten Treffpunkt sieht sie Herbert! Da sitzt ihr Angetrauter auf einer
Parkbank und hat seinen Arm um ein dickliches junges Mädchen gelegt! Sie traut
ihren Augen kaum. Mit zügigen Schritten steuert sie das Paar an.
„Herbert!“
Herbert und seine Begleiterin schrecken zusammen. In Sekundenbruchteilen sitzen
sie stocksteif und mit aufgerissenen Augen da. „Anke…“ wispert Herbert.
Herberts Gesichtsfarbe fällt ins Leichenblasse. „Anke, es ist nicht so, wie
Du denkst!“ stottert Herbert unbeholfen. „Scheiße!“ zischt die junge,
unbekannte Frau an Herberts Seite. „Ach? Und was denke ich?“ keift Anke.
Herbert fehlen die Worte. Anke steht da, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr
Blick verheißt nichts Gutes. „Schatz, beruhige dich doch!“ versucht Herbert
sein Glück. „Beruhigen? Beruhigen soll ich mich?“ Das Pummelchen rutscht
nervös hin und her und starrt immer noch wie gebannt auf Anke. Herbert steht
auf und macht einen Schritt auf seine Frau zu. „Fass mich nicht an!“
schnaubt sie. „Ich hab’s gewusst! Ich hab es die ganze Zeit gewusst!“
Herbert steht vor ihr, seine Schultern hängen viel zu tief. Anke wirft einen
zornigen Blick auf ihre Konkurrentin, mustert sie kurz von oben bis unten und
dreht sich auf dem Absatz um. Dann eilt sie
hocherhobenen Hauptes davon.
Woher sie plötzlich die
Energie und die Schlagfertigkeit besaß, ist ihr im Nachhinein schleierhaft. Jörg,
der die ganze Szene beobachtet hatte, folgt ihr unauffällig. Als sie außerhalb
des Sichtfeldes der Ertappten sind, holt er Anke ein. Anke schüttet sich aus
vor Lachen. „Hast Du das gesehen?“ Anke jappst nach Luft. „War das Dein
Mann?“ fragt Jörg immer noch etwas überfordert von dem Geschehnen. „Ja.
Das war Herbert. Wer hätte das gedacht! Sitzt der Griesgram mit einem jungen
Wicht im Park statt im Büro...“ Anke kichert immer noch. Zu groß ist ihre
Erleichterung, dass sie Herbert erwischt hat und nicht umgekehrt. Jörg legt
seinen Arm um Ankes Schulter und sagt: „Komm, das muss gefeiert werden! So
etwas erlebt man ja schließlich nicht jeden Tag.“ Sie verlassen den Park,
kaufen sich noch schnell eine Flasche Sekt und verschwinden dann in Jörgs
Wohnung. Dieses Mal bleibt Anke über Nacht.
