Eine Frau ohne Bauch ist wie ein Himmel ohne Sterne

(arabisches Sprichwort)

 

Vor ein paar Monaten war sie noch eine Frau mit einem wahren Firmament! Ihr persönlicher Sternenhimmel war natürlich nicht von heute auf morgen da gewesen. Jugendfotos beweisen es ihr ganz eindringlich. Niemals wäre sie damals auf den Gedanken gekommen, sich als Frau zu bezeichnen. Dieser Begriff war für sie denkbar ungeeignet. Ihr Bauch war flach wie ein Spiegel, nur spiegelte sich nichts darin. Ihre Haut war frisch, ihr Gesicht wie ein unbeschriebenes Blatt. Die wahre Bestimmung ihres Bauches war noch weit entfernt, Lichtjahre sozusagen. 

Als sie dann in das Alter kam, in dem man solche Wesen wie sie als Frau bezeichnete, fühlte es sich immer noch nicht so an. Sie war weder Mädchen noch Frau und mochte sich auch so recht keine Gedanken darüber machen. Unauffälligkeit war ihr höchstes Gebot. Doch langsam entstand eine kleine Sternenkuppe in ihrer Körpermitte. Sie ignorierte das. Später dachte sie darüber nach, ob es jemals Andeutungen in dieser Richtung gegeben hatte. Heute kann oder will sie sich daran nicht mehr erinnern. 

Eines Tages erfuhr sie, dass ihr Bauch eine Daseinsberechtigung hat. Sie hielt das Stäbchen mit dem blassrosa Strich ungläubig in den Händen und versuchte diese Information zu fassen. Ein kleines Menschlein schwamm in ihrem Universum und dehnte sich nach allen Seiten aus. Ihr Bauch wuchs und mit ihm auch ein unbändiger Stolz und eine grenzenlose Freude. Immerhin war sie mittlerweile in einem Alter, in dem man von ihr als einer Spätgebärenden sprach. So ein Quatsch! Sie war süße 30! Ihr Frausein hatte doch gerade erst begonnen! Doch auch jetzt fühlte es sich noch nicht so an. Sie hatte jetzt eine aufregende Mitte, mit der sie sich auf ganz besondere Art verbunden fühlte. Dass es sich um ein ausschließlich weibliches Phänomen handelte, war ihr kopfmäßig wohl klar, aber ihr Gefühl hinkte noch. 

So schob sie nun ihr kleines Universum vor sich her und es grenzte fast an ein Wunder, dass sie nicht platzte vor Stolz und am Umfang. 

Der kleine Stern schlüpfte und schenkte ihr zum Dank einen superweichen Schwabbelbauch. Es fehlte ihr am Sinn diesen zu bekämpfen. Ihre ganze Aufmerksamkeit ließ sie ihrem Baby zukommen. Ihre Brüste entwickelten sich zu einer wahren Milchstraße, ein Himmelreich für ein Baby! Ein Ort der Ruhe, der Zweisamkeit und der Ausschließlichkeit. 

Einige Zeit später verspürte sie wieder den Wunsch nach einem Kind. Ihr Bauch war bereit für das kommende Wunder. Doch dieses ließ sich zu wenig Zeit und wurde viel zu früh in die Welt geschleudert. Ein winzig kleiner Stern vergrößerte plötzlich ihr Familienuniversum. Der Begriff Kampfstern oder besser gesagt Kampfsternchen bekommt mit diesem Kind eine ganz andere Bedeutung. Drei lange Monate kämpfte es um sein Leben und gewann! 

Bald schon kündigte sich der nächste Urknall an. Und Urknall ist rückblickend betrachtet wohl das richtige Wort für dieses Kind. Ihr Bauch nahm wieder unglaubliche Dimensionen an. Das neue Sternchen verschaffte sich Raum und nahm sich die Zeit zu reifen.

Eines Tages saß sie nun in Mitten ihrer Kinder, mit weichem Kugelsternenbauch und fließender Milchstraße. Wer hätte es gedacht? Sie weiß nicht, wann genau es sich so anfühlte, aber ganz genau in diesem Moment, wo sie zwischen ihren Kindern saß, war sie eine echte Frau. Es breitete sich eine warme Zufriedenheit aus. Lag nun ihre Bestimmung darin, Hüterin ihrer Sterne zu sein? Vorerst war das sicherlich so. Sie war eine leidenschaftliche Hüterin, ohne Frage. Und leidenschaftlich verlor sie sich mitsamt ihres immensen, weichen Sternenhimmels aus den Augen. 

Und dann vor ein paar Monaten geschah etwas. Sie stand vor dem Spiegel, schaute an sich herunter und erschrak fürchterlich. Sie sah die Linien, die ihre Kinder wie Sternschnuppen auf ihrem Körper gezeichnet hatten. Diese Linien störten sie nicht. Aber ihren Körper wollte sie wieder in normaler Form sehen. Verzweifelt startete einen Versuch nach dem anderen, gekrönt von fatalen Niederlagen. Trost versprachen Kalorien, Kalorien über Kalorien. Bis es irgendwann nicht mehr ging. Radikal sagte sie sich den Kampf an und verbat sich konsequent und rigoros das Essen. Bald sah sie sich umgeben von kleinen, blitzenden Sternchen. Es war, als ob sich ihr Sternenzelt auflöste. Ihre Bauchsterne verabschiedeten sich mit einem letzten Blitzen vor ihren Augen und verschwanden. 

Wenn sie heute vor dem Spiegel steht und an sich herunter blickt, ist ihr Bauch nicht flach. Eine kleine Wölbung und die zarten Linien ihrer Sternschnuppen erzählen ihr dann ihre Geschichte. Und diese Geschichte fängt an mit den Worten „Eine Frau ohne Bauch ist wie ein Himmel ohne Sterne...“

 

 

Zurück Startseite Nach oben Weiter