‚Und gegessen wird zu Hause...’ ein Satz, der Annette ein Leben lang verfolgt und geprägt hat. Jeder hat wohl so eine Floskel mitbekommen für sein Leben. Dieser Satz bekam zu jeder Zeit eine neue Bedeutung und löste die widersprüchlichsten Gefühle bei ihr aus.
Heute ist Annette mit diesem Satz versöhnt. Und das war ein langer Weg, ein Weg von knapp 39 Jahren. Ein Weg, der jede Mühe und jede Träne wert war.
Annette wird als drittes Kind ihrer Eltern geboren, in einer Zeit, in der es unpopulär ist, gestillt zu werden. Sie bekam ihre Flasche im Vierstundenrhythmus, das Bäuerchen wurde im gleichen Rhythmus von ihr verlangt. Eine sehr geordnete Zeit. Rhythmus und Ordnung bestimmten die Jahre ihrer Kindheit.
Annette wird älter. Gemeinsames Frühstück am Morgen, gemeinsames Mittagessen und gemeinsames Abendbrot wurden zu unumstößlichen Größen. Alle handhabten es damals doch so.
Mit Beginn ihrer Kindergartenzeit setzen ihre Erinnerungen ein. Manches mal meint sie noch heute, den Geruch der Kindergartentasche in der Nase zu haben. Sie erinnert sich gerne, obwohl sie diesen Geruch nie mochte. Damals war es noch möglich, alleine draußen zu spielen. Man traf sich nach dem Mittagessen mit den anderen Kindern aus dem Hochhaus. Einfach so. Es fanden keine geplanten Verabredungen statt. Am Ende eines solchen Nachmittags wartete schon der gedeckte Abendbrottisch auf sie und ihre Brüder. Alle trafen sich am frühen Abend wieder zu Butterbrot und Milch. Gegessen wurde zu Hause.
Annette wird älter. Mit Beginn ihrer Grundschulzeit vergrößert sich auch ihr Aktionsradius. Sie spielt nicht mehr nur vor und um das Hochhaus. Mit ihrer Busenfreundin Carola traut sie sich schon ein wenig weiter. Sie schieben ihre Puppenwagen durch die Straßen, backen Kuchen im Sandkasten und flüchten vor den wilden Spielen der Jungen. Neben den pünktlichen Mahlzeiten bekommen neue Rituale eine Bedeutung. Freitags ist Badetag. Mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder planscht sie nun freitags vor dem Abendbrot in der Badewanne und der Dreck der Woche wird gründlich entfernt. Und gegessen wird zu Hause.
Annette wird älter. Mit 11 Jahren kommt sie in die Realschule, leider ohne Carola. Denn Carola zieht kurze Zeit später mit ihren Eltern in einen anderen Stadtteil. Morgens um halb sieben endet ihre Nacht, gemeinsames Frühstück mit der Familie, danach folgt die Busfahrt zur Schule. Nach ein paar Monaten hat sie eine neue Busenfreundin. Claudia wird ihre engste Vertraute. Jeden Tag fährt Annette mit dem Schulbus nach Hause. Es erwartet sie der gedeckte Mittagstisch, danach die Hausaufgaben. Jetzt finden Verabredungen statt, meistens mit Claudia. Claudia wohnt in der Nähe vom Aasee; eine knappe halbe Stunde braucht sie mit dem Fahrrad. Und noch bevor die Straßenlaternen erleuchten, findet sich Annette am Abendbrottisch ein. Denn gegessen wird zu Hause. Mit jedem Jahr nervt sie diese Regel mehr, doch ihre Mutter ist unerbittlich.
Annette wird älter. Sie ist zu einem hübschen, verträumten Teenager heran gewachsen. Mit Claudia sitzt sie oft stundenlang kichernd zusammen. Ganz neue Themen werden aktuell. Jungen werden plötzlich sehr interessant. Sie schwärmt mal für Michael, dann für Christian und dann für Jürgen. Eine kribbelige Zeit, eine Zeit der ersten großen Gefühle, der ersten Heimlichkeiten, denn zu groß ist ihre Angst, zu Hause ausgelacht zu werden.
Annette wird älter. Mit 15 Jahren beginnt ihre Tanzschulzeit. Erste Körperkontakte zum anderen Geschlecht werden erlaubt – wenn auch aus einem anderen Grund – . Aber das auch nur so lange, bis der Abendbrottisch ruft. Es ist eine anstrengende Zeit, die Zeit der Abnabelung beginnt. Und trotzdem, gegessen wird zu Hause.
Annette wird älter. Sie verlässt die Schule mit einem Lehrvertrag in der Hand. Voller Stolz fährt sie nun morgens zur Arbeit, aber erst nachdem gemeinsam gefrühstückt wurde. Drei lange Jahre ernährt sie sich in ihrer Mittagspause von Butterbroten und Joghurt. Denn gegessen wird abends zu Hause. Die warme Mahlzeit hat eine neue Uhrzeit bekommen. Voller Ungeduld erwartet sie ihre Zeit der Unabhängigkeit. Es ist auch die Zeit der ersten großen, erwiderten Liebe. Jochen wird im gleichen Betrieb ausgebildet. Er ist zwei Jahre älter, Besitzer eines Führerscheins und eines alten VW-Käfers.
Auch diese Tatsachen lassen ihre Mutter nicht erweichen. Gegessen wird zu Hause. Jochen wird zum ständigen Gast am abendlichen Tisch.
Annette wird älter. Kurz nach erfolgreicher Beendigung ihrer Lehrzeit, begibt sie sich auf die Suche nach einer geeigneten und vor allem bezahlbaren Wohnung. Die erste Nacht in der neuen Bleibe ist aufregend und noch aufregender ist der erste Morgen. Voller Trotz fährt sie ohne gefrühstückt zu haben aus dem Haus. Es stellt sich ein Hochgefühl ein. Gegessen wird ab nun in der Kantine!
Annette wird älter. Jochen gibt es nicht mehr, dafür aber Klaus. Und nach Klaus kommt Dieter und nach Dieter kommt Andreas. Das Leben ist herrlich! Sie genießt es in vollen Zügen.
Annette wird älter. Sie arbeitet längst nicht mehr in ihrem Ausbildungsbetrieb. Ihre neue Stelle fordert sie sehr, macht aber auch großen Spaß. Und dann lernt sie Gregor kennen. Gregor rammt auf einem Parkplatz ihre Ente. Jetzt geht alles ‚holterdiepolter’. Kein halbes Jahr später legt sie ihren Mädchennamen ab und wird Gregors Frau.
Annette wird älter. Ein Jahr nach der Hochzeit hält das strahlende Paar ihr Töchterchen Christin im Arm. Mit den besten Vorsätzen, alles besser zu machen als die eigene Mutter, legt sie das Kind an ihre Brust. Fortan dreht sich alles in Annettes Leben um Christin. Christin bestimmt den Rhythmus, wann gegessen wird, wann geschlafen wird und ob überhaupt geschlafen wird. Gregor stürzt sich in Überstunden, Annette fühlt sich im Stich gelassen. Ein schleichender Prozess der Entfremdung beginnt. Gregor konzentriert sich auf seine Karriere, Annette auf das Kind.
Annette wird älter. Sie ist unglücklich, als sie zufällig Johannes kennen lernt. Johannes hat einen kleinen Kiosk in ihrer Straße eröffnet. Jeden Tag kauft sie nun ihre Tageszeitung dort. Johannes schafft es immer, ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ihre Gespräche werden länger und vertrauter. Nach einigen Wochen fasst Johannes sich ein Herz und lädt Annette zum Essen ein. Geschmeichelt nimmt Annette die Einladung an. Gregor befindet sich sowieso wieder auf einer Geschäftsreise. Kurz entschlossen engagiert sie den Babysitter. Sie haben sich beim Italiener ein paar Straßen weiter verabredet und zeitgleich treffen sie dort ein.
Von nun an verabreden sie sich öfter, wie immer heimlich. Und es kommt, wie es kommen muss. Ein spürbares Knistern stellt sich ein, tiefe Blicke in die Augen des anderen und lange, zärtliche Küsse finden statt. Annette fühlt sich wieder als Frau, begehrt und wahr genommen. Ihre Treffen finden nicht mehr beim Italiener statt. Johannes bewohnt ein kleines Appartement, wo sie ungestört ihre Zweisamkeit genießen können. Für den letzten, entscheidenden Schritt fehlt beiden bislang der Mut.
Am nächsten Tag kommt Gregor von seiner Dienstreise zurück. Irgendetwas ist anders als sonst. Gregor legt seine Jacke ab und völlig unerwartet nimmt er Annette in die Arme. Seit langer Zeit küsst er sie wieder voller Zärtlichkeit. Annettes Herz schlägt wie wild. Mit diesem Kuss holt er Annette wieder nach Hause. Sie besinnt sich plötzlich. Gregor ist ihr Mann, ihre Familie und lächelnd denkt sie ,Appetit holen darf man sich ja, aber gegessen wird zu Hause.’
